Thinspiration

♦ Thinspirations: Definition
♦ Darstellungen: Welche Bilder werden verwendet?
♦ Welche Bedeutung haben Thinspirations für Anas?

Definition

Bei Thinspirations oder kurz Thinspos handelt es sich um eine bestimmte Art von Bildern. Dabei spielt jedoch keine Rolle, ob es sich um das Fotografien, das Malereien oder eine andere bildende Kunstform handelt. Diese bildlichen Darstellungen werden von Pro-Anas verwendet, um sich zum Hungern, zu übermäßigem Sport oder zu einer perfektionistischen Sichtweise zu motivieren (siehe Abschnitt Bedeutung für Anas).

Das Wort Thinspiration setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen: „Thin“ (engl. für „dünn“) und „inspiration“. Thinspirations bilden Menschen ab, zumeist Frauen, die sehr dünn sind; teilweise sind die Models deutlich untergewichtig. Zunehmen finden auch Selfies von Magersüchtigen und schwer untergewichtigen Personen Verbreitung.

Der Fokus der Bilder liegt oftmals auf besonders markanten Knochen: Zum Beispiel sind auf Thinspirations häufig die hervorstechenden Schulterblätter oder das Schlüsselbein zu sehen. Großer Beliebtheit erfreuen sich auch (dünne) Beine; bei den Beinen wird von Pro-Anas das Idealbild fixiert, dass die Oberschenkel bei geschlossenen Beinen einander nicht berühren „dürfen“. Derartige Regeln stellen nicht nur viele Magersüchtige für sich auf, sondern auch andere Menschen, die in bestimmtes Schönheitsideal verfolgen. Im Unterschied zu Personen, die keine Essstörung haben, sind Pro-Anas und Magersüchtige jedoch bereit viel aufs Spiel zu setzen, um sich ihrem Ideal anzunäheren.

Nicht alle Thinspirations stellen realistische Fotografien dar. Auch Zeichnungen und Bilder, die mit Photoshop und anderen Bearbeitungsprogrammen stark verändert wurden, finden sich in den Bildersammlungen der Anas.

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Darstellungen: Welche Bilder werden verwendet?

In den meisten Fällen sind Thinspos Fotos von Frauen, deren schlanker oder dünner Körper gut erkennbar ist. Daraus resultiert, dass die Abgebildeten oft wenig oder nicht bekleidet sind. Dennoch haben die Bilder nur bedingt mit Erotik zu tun.

Aufgrund des Zusammenhangs — der Pro-Szene –, in dem Thinspos verwendet werden, stehen die körperlichen Anzeichen des Untergewichts im Vordergrund: Hervorstehende Schulterblätter, Schlüsselbein, Rippen und ein sichtbares Brustbein und Becken; dürre Arme und Beine, die nicht geschlossen werden können, weil sie so dünn sind.

Als Thinspirations werden oft vollkommen „normale“ Fotos zweckentfremdet: zum Beispiel Modefotografien oder abgelichtete Schauspieler. Angesichts der Tatsache, dass viele Models untergewichtig sind oder sich mit optimiertem Fitness- und Ernährungsplan schlank halten, ist dieses Zusammentreffen kaum verwunderlich. Auch SchauspielerInnen können unter Essstörungen leiden und/oder ein zu niedriges Körpergewicht haben. Allerdings ist dies nicht immer der Fall. Unsere Gesellschaft erhebt diese Figuren zu Ikonen, da sie dem allgemein geteilten Schönheitsideal entsprechen. Pros unterscheiden sich kaum hinsichtlich dieses Ideals, das sie verehren; der Unterschied zwischen Pros und anderen Menschen liegt in den drei zentralen Merkmalen der Essstörung (nach Bruch): Körperschemastörung, gestörte Eigenwahrnehmung, gefühlte Unzulänglichkeit der eigenen Person. Hinsichtlich anderer Menschen können Magersüchtige durchaus eine realistische Perspektive besitzen – individuelle Unterschiede erschweren pauschale Aussagen.

Obwohl inhaltlich und hinsichtlich ihrer Bedeutung keine oder kaum Differenzen zwischen verschiedenen Thinspiration-Typen bestehen, wollen wir hier drei grobe Kategorien von Thinspirations unterschieden.

Bei der ersten Kategorie handelt es sich um Bilder, die von professionellen Fotografen stammen: z.B. Werbebilder für Modemagazine und Kataloge, Fotografien mit künstlerischem Anspruch und auch Standbilder aus Filmen. Darüber hinaus fallen in diese Kategorie Aufnahmen von Semi-Profis sowie engagierten Hobbyfotografen. Dementsprechend zeichnen sich diese Fotos durch eine insgesamt hohe Qualität aus. Als Thinspirations werden diese Bilder oft widerrechtlich kopiert. Bei einer Suche lassen sich häufig immer wieder dieselben Bilder auf unterschiedlichen Blogs, Websites und in Foren finden — fast immer ohne Nennung des Urhebers, oft unrechtmäßig kopiert.

Die Kategorie II besteht aus Thinspirations, die (stark) bearbeitet wurden. Als Vorlage können Bilder aus der Kategorie I dienen, aber auch laienhaftere Fotos; letzteres ist jedoch eher die Ausnahme. Die Bilder werden am Computer so verändert, dass die abgebildeten Models noch deutlich dünner, dürrer und abgemagerter aussehen — oft mit physiologisch vollkommen unrealistischen Ergebnissen. Manche Pros wissen, dass die von ihnen (irgendwo kopierten und) verwendeten Bilder Bearbeitungen sind und dass ihre Idole demnach Personen repräsentieren, die in dieser Form nicht existieren.

Andere Pros sind sich dessen hingegen nicht bewusst: Sie halten die Thinspirations der Kategorie II für vollkommen reale Abbildungen der körperlichen Wirklichkeit. Interessant ist, dass auch das Wissen um die Bearbeitung die Anhängerinnen von Pro Ana nicht daran hindert, die entsprechenden Fotos als Motivation und Vorbild zu deklarieren. Tatsächlich scheint es zuweilen sogar einen besonderen Reiz auf Betroffene auszuüben: Sie streben das an, was noch niemand vor ihnen geschafft hat. Auf diese Weise hoffen sie, ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Andere sehen diese Herausforderung als makaberes Spiel, dem sie sich selbst nicht entziehen können. Unter den Thinspirations der Kategorie II befinden sich auch Bilder, die ursprünglich zur Abschreckung oder als Warnung vor Essstörungen angefertigt wurden. Die Bearbeitung kann zum Beispiel Teil eines Kunstprojekts oder einer aufklärenden Gesundheitskampagne sein. Manche Bildbearbeitungen gehen jedoch von Pro-Anas selbst aus, wobei sie bestehendes Fotos lediglich als Ausgangsmaterial verwenden.

Damit ist auch schon der Übergang zur Kategorie III der Thinspirations erreicht: Bilder der Pro-Anas von sich selbst. In der Regel handelt es sich um Fotos, die eigenhändig geschossen wurden. Zum Teil sind die Bilder aus eher unvorteilhaften Perspektiven aufgenommen. Dies gilt den Betroffenen als Beweis dafür, wie „fett“ und „unförmig“ sie sind. Dieser Eindruck ist oft subjektiv und entspricht nicht der Realität: Betrachtet eine andere Person das Bild, nimmt sie die Betroffene häufig vollkommen anders wahr. Einige Bilder erzwingen durch Froschperspektive oder unvorteilhafte Posen einen unvorteilhaften Eindruck. Thinspirations der Kategorie III unterscheiden sich damit in ihrer Funktion von den Thinspirations der anderen beiden Kategorien.

Ein wichtiger Aspekt dieser Funktion stellt die Legitimation des eigenen Handelns dar: „Ich finde mich auf diesem Bild hässlich — also bin ich grundsätzlich zu dick und deshalb muss ich weiter abnehmen.“ Solche Schlussfolgerungen sind in der Regel nicht zulässig oder stark pauschalisiert. Ein unvorteilhaftes Foto ist kein Beweise von Hässlichkeit. Darüber hinaus sind Attraktivität und Gewicht für viele Menschen getrennte Kategorien. Bulimikerinnen und Magersüchtige stellen das Gewicht jedoch an oberste Stelle. Selbst das theoretische Wissen darum, dass es sich um einen Fehlschluss handelt, heilt die verzerrte Perspektive jedoch nicht automatisch. Oft ist dafür eine Psychotherapie erforderlich, die auch auf Gefühle, Erlebnisse und Gedanken eingeht, die der Essstörung zugrundeliegen.

In diesem Zusammenhang muss noch einmal betont werden: Pro Anas leiden. Pro Ana ist nicht ein Lifestyle, für den sich glückliche Mädchen, Jungen und Erwachsene aus freien Stücken entscheiden. Pro Ana repräsentiert innere Belastungen und in gewisser Weise sogar den Versuch, sich selbst von diesem Leiden zu befreien. Die Tragik des Phänomens besteht darin, dass dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist und zu einer Verschlimmerung anstelle einer Verbesserung führt — die teilweise vehement abgestritten wird. Nicht umsonst werden Anorexie und Bulimie oft als Selbstmord auf Raten bezeichnet.

Die Selbstschädigung wird durch Thinspirations der dritten Kategorie zudem dokumentiert: Betroffene motivieren sich durch bisher erbrachte „Erfolge“ beim Abnehmen dazu, weiter „durchzuhalten“ und „stark zu bleiben“. Andere Pro-Anas unterstützen mit ihren Rückmeldungen diese Motivation — und nehmen sich ihrerseits ein Vorbild an diesen Thinspirations. Durch Thinspos entsteht dadurch oft eine gegenseitige Verstärkung.

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Welche Bedeutung haben Thinspirations für Anas?

Thinspirations gelten vor allem als Motivation für die Betroffenen. Dies ist nicht nur von außen feststellbar, sondern wird von Betroffenen selbst immer wieder in den Vordergrund gestellt. Mithilfe der bildlichen Darstellungen wird jedoch nicht nur ein theoretisches, abstraktes Ideal fixiert. Vielmehr stellen Thinspirations oft konkrete Zielvorgaben dar, die die Pros an sich selbst richten: „Deine Arme müssen so aussehen, deine Beine müssen diese Form haben, deine Rippen müssen zu sehen sein!“

Die Betrachtung von Bildern, auf denen schlanke oder ausgehungerte Körper zu sehen sind, sollen den Pros auch helfen „stark“ zu bleiben und sich nicht zum Essen „verführen“ zu lassen: Immer wieder führen sie sich die Bilder vor Augen, um sich daran zu erinnern, „wofür sie kämpfen“.

Gleichzeitig verstärken die Betroffenen dadurch auch das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Sie scheinen geradezu darauf fixiert zu sein, sich mit Models, Schauspielerinnen, Tänzerinnen oder Profisportlerinnen zu vergleichen. Auch die eigenen Mitschüler und Kollegen sind davon nicht ausgeschlossen. Oft bleibt das nicht auf Körpermaße beschränkt, sondern erweitert sich auf das Aussehen, die kognitiven Leistungen, das Charisma, die sportlichen Erfolge, …

Viele Anorektiker handeln unter dem Zwang, alles kontrollieren zu müssen — entgleitet ihnen die Kontrolle, fühlen sie sich hilflos, empfinden Hass auf sich selbst oder halten sich für einen hoffnungslosen Fall. Leistungen werden als selbstverständlich betrachtet, Versagen und Fehler gehen als einzige in die negative Selbst-Bilanz ein.

Thinspirations haben auch in diesem Kontext ihre Bedeutung für Anas: Sie sind Kontrollwerkzeuge, halten konkrete Ziele fest oder lassen Traumbilder zum Greifen nahe erscheinen — selbst dann, wenn es sich bei den Vor-Bilder um bearbeitete und modellierte Lügen handelt (Kategorie II).

Zudem suchen Anas in Thinspirations möglicherweise die Sinnlichkeit, die sie sich ansonsten verwehren. Um anatomische Proportionen zeigen zu können, bilden Thinspirations oft Menschen in knapper Bekleidung ab. Hierbei geht es allerdings weniger um eine körperlich erfahrbare Form von Erotik. Vielmehr scheint es den Anas um eine ästhetische Erotik oder erotische Ästhetik zu gehen. In diesem Zusammenhang ist „Erotik“ im allgemeinen Sinne zu verstehen, bei dem es nicht primär um Sex geht.

Der nicht-körperliche Lustgewinn besteht darin, dass die Thinspirations durch die Assoziation des Kindkörpers und ihr zerbrechliches Erscheinungsbild unberührbar sind. Sie verbieten es, ihnen zu nahe zu kommen oder sie ohne Vorsicht zu berühren. Hier schließt sich der Kreis zur typischen Pro-Ana-Metaphorik: Ana als ätherisches Wesen, das fragil und unwirklich durch die Welt schwebt. Auf diesem Weg wollen sich viele Anas schützen.

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Zuletzt aktualisiert am 06.01.2017