Schmetterlinge und Schneeflocken

Schmetterlinge sind ein Symbol für Pro Ana, das schon in den frühen Jahren des Internets aufkam und sich in der Pro-Ana-Szene durchsetzte. Heute werden auch Personen als Schmetterlinge oder Butterflies bezeichnet, die „lernen wollen, wie man magersüchtig wird“. Mit dieser Bezeichnung ist in vielen Ana-Communitys eine herablassende und vor-verurteilende Haltung verbunden: Viele Essgestörte in Online-Communitys betrachten solche „Butterflies“ nicht als echte Essgestörte und damit nicht als „Ihresgleichen“.

♦ Was haben Schmetterlinge mit Magersucht zu tun?
♦ Schneeflocken/Snowflakes
♦ Was ist der Unterschied zwischen „Schmetterlingen“ und „Schneeflocken“?

Was haben Schmetterlinge mit Magersucht zu tun?

Schmetterlinge werden schon sehr lange als Symbol für Magersucht und Magersüchtige verwendet – sowohl von Betroffenen als auch von Psychologen, Künstlern und Schriftstellern. Der Schmetterling steht dabei symbolisch für die Krankheit und spiegelt verschiedene (mögliche) Facetten der Essstörung wider. Heute ist nicht mehr nachvollziehbar, woher die Schmetterlings-Metapher ursprünglich stammte und ob sie sich überhaupt auf eine einzelne Quelle zurückführen lässt.

Schönheit und Anmut

Schmetterlinge sind schöne Tiere. Es existieren viele verschiedene Arten mit beeindruckenden Flügelmustern. Schmetterlings schillern in bunten Farben und zeigen oft auf der Vorder- und Rückseite ihrer Flügel ganz unterschiedliche Maserungen.

Die Bewegungen von Schmetterlingen wirken leicht und grazil. Ihr Flug ist einerseits anmutig und andererseits unberechenbar: Schmetterlinge sind im wahrsten Sinne des Wortes flatterhaft.

Diese beiden Eigenschaften verkörpern typische Ideale, die Anorektiker oder Anas äußern.

Zerbrechlichkeit

Schmetterlinge gelten als empfindliche Lebewesen. Mit dieser Sensibilität können sich viele Magersüchtige identifizieren. Damit ist sowohl die emotionale als auch die körperliche Empfindsamkeit gemeint: Die Gewichtsabnahme kann Stimmungsschwankungen und Depressionen begünstigen und Betroffene “dünnhäutig” machen. Anorektiker haben mit großen Selbstwertprobleme zu kämpfen und nehmen sich Kritik häufig zu Herzen. Selbst gutgemeinte Versuche, ihnen zu helfen oder etwas Gutes zu tun, können zu starken Schuldgefühlen führen – zum Beispiel, weil der/die Magersüchtige das Gefühl hat, die positive Zuwendung nicht zu verdienen.

Das restriktive Essen und das niedrige Gewicht können darüber hinaus die körperliche Sensibilität erhöhen. Insbesondere der Geschmackssinn kann sich schärfen, sodass alle Aromen viel intensiver schmecken. Doch auch leichte Berührungsreize erscheinen häufig wie verstärkt.

Hinzu kommt, dass Magersüchtige auch von Natur aus hochsensibel sein können.

In einem Teil der Pro-Ana-Szene gilt die Zerbrechlichkeit und Empfindlichkeit, die auch Schmetterlinge symbolisieren, als Ideal. Einige Essgestörte wollen krank aussehen. Die Gründe dafür können sehr vielschichtig sein und gehen über den Wunsch nach Aufmerksamkeit weit hinaus. Häufig genannt werden zum Beispiel:

  • das (unsichtbare) innere Leiden sichtbar machen
  • wie ein Kind behütet werden
  • Mitleid erregen/Rache für emotionale Verletzungen oder jegliche Form des Missbrauchs
  • Verinnerlichung/Introjektion der Opferrolle (v.a. bei Opfern von sexuellem Missbrauch oder schwerer wiederholter Misshandlung: Dem Betroffenen wird eingeredet und vor Augen geführt, wie schwach und hilflos er sei, sodass er diese Rolle ungewollt übernimmt und sich von ihr oft erst durch eine Therapie lösen kann – dabei handelt es sich um einen psychischen Abwehrmechanismus, um das Leid zu überstehen)
  • subjektiv empfundene Makel überdecken („Wenn ich schon nicht schön sein kann, möchte ich wenigstens dünn sein.”)
  • Verantwortung ablehnen
  • das Gefühl, in der „Erwachsenenwelt“ nicht zurechtzukommen

Bei Pro Ana kommt hinzu, dass Zerbrechlichkeit oft ein optisches Ideal darstellt. Bei entsprechende Thinspirations stehen oft blasse Haut, kindlich-erschrockene Gesichtsausdrücke, Pastellfarben und Narben, Magensonden, Infusionsschläuche u.ä. im Vordergrund. Diese Bilder dienen nicht der Abschreckung, sondern werden als schön und erstrebenswert betrachtet. Dieser Punkt ist ein großes Problem bei Aufklärungskampagnen über Essstörungen.

Die Transformation von der Raupe zum Schmetterling

In dem bekannten Kinderbuch „Die kleine Raupe Nimmersatt“ von Eric Carle futtert sich eine kleine Raupe durch verschiedene Nahrungsmittel, um sich am Ende in einen wunderschönen Schmetterling zu verwandeln. Aus naheliegenden Gründen sind Anspielungen auf dieses Kinderbuch in der Pro-Ana-Szene immer wieder zu finden.

Magersüchtige haben ein schlechtes Selbstwertgefühl, das sie durch Gewichtsreduktion verbessern wollen. Häufig dehnt sich der Perfektionismus jedoch auch auf andere Lebensbereiche aus. Vielen Menschen mit Essstörungen fällt es schwer, sich selbst Fehler zu verzeihen und kleine Makel oder charakterliche Ecken und Kanten zu akzeptieren – obwohl diese Ecken und Kanten zu jeder Persönlichkeit gehören.

Mit der Magersucht ist oft eine unrealistische Vorstellung verbunden: Alles könne gut werden, wenn nur das Gewicht niedriger wird. Die Betroffenen hoffen, dadurch ließen sich alle Probleme lösen, die sie in ihrem Alltag plagen. Beispiele:

  • „Mein Ex-Freund wird zu mir zurückkehren, wenn er sieht, wie dünn ich geworden bin.“
  • „Wenn ich dünn bin, wird meine Mutter mich endlich so lieb haben wie meinen Bruder.“
  • „Sicherlich tut meiner Freundin leid, was sie über mein Gewicht gesagt hat, wenn ich nur noch Haut und Knochen bin.“
  • „Mein Chef hat mich vor dem ganzen Team fertig gemacht und mir ins Gesicht gesagt, ich würde nie etwas schaffen. Dem werde ich es zeigen!“
  • „Wenn ich dünn bin, nie einen Fehler mache und rundum perfekt bin, bin ich vielleicht gut genug, um eine Daseinsberechtigung im Leben zu haben.“

Solche oder ähnliche Wünsche, Hoffnungen und Überzeugungen müssen jedoch nicht bewusst sein. Manche Menschen mit Essstörungen haben nur ein vages Gefühl, dass mit dem sinkenden Gewicht alles besser werde.

Im Zusammenhang mit Ana Til The End (ATTE) kann die Transformation von der Raupe zum Schmetterling auch mit dem angestrebten Tod verglichen werden.

Freiheit

Schmetterlinge leben in der Regel frei. In Gefangenschaft sind die Insekten äußerst selten. Die Schmetterlinge können fliegen, wohin sie wollen und sind nicht an Verpflichtungen gebunden.

Viele Magersüchtige leiden unter Ängsten. Diese Ängste können auf ihr Gewicht, ihre Figur oder ihr Essverhalten bezogen sein, doch oft gehen sie deutlich darüber hinaus. Angststörungen treten häufig gemeinsam mit Essstörungen auf – als sogenannte Komorbidität. Das unbeschwerte Erscheinungsbild des Schmetterlings erscheint deshalb manchen Anorektikern als Ideal.

Bedrohung und Seltenheit

Gleichzeitig sind viele Schmetterlinge bedroht. Einzelne Individuen werden von Sammlern oder Forschern gefangen und auf Nadeln gesteckt, um sie auszustellen, zu untersuchen oder einfach nur zum persönlichen Vergnügen zu sammeln.

Viele Magersüchtige haben in ihrem Leben sexuellen Missbrauch, körperliche Misshandlung oder andere Formen von körperlicher und/oder psychischer Gewalt erfahren. Diese Parallele erscheint deshalb nahezu makaber. Den Betroffenen kann es jedoch helfen, ein Bild oder eine Metapher für die traumatischen Erlebnisse zu finden.

Darüber hinaus fühlen sich viele Magersüchtige als Teil einer Elite – insbesondere in Pro-Ana-Communitys. Die Essstörung nimmt einen hohen Stellenwert in ihrem Leben ein und wird häufig zu einem Teil der persönlichen Identität. Obwohl Magersucht immer häufiger diagnostiziert wird, ist sie im Vergleich zu anderen Essstörungen noch immer relativ selten. Deutlich mehr Menschen leiden unter Bulimie, Binge-Eating-Störung oder einer unspezifischen Essstörung (im Klassifikationssystem ICD-10: „Essstörung, nicht näher bezeichnet“).

Wenn die Magersucht jedoch zu einem Teil der Identität geworden ist, wollen die Betroffenen diese Identität beschützen – einerseits vor Therapeuten und Ärzten, die ihnen die Essstörung „wegnehmen“ wollen, andererseits vor „Butterflies“, die (in ihren Augen) „keine echte Essstörung haben“ und deshalb nicht das „Recht“ haben, sich diese Identität anzueignen.

[nach oben]

Schneeflocken/Snowflakes

Der Vergleich mit Schneeflocken hängt klar mit einem Jugendbuch zusammen, das 2009 erschien. „Wintermädchen“ von Laurie Halse Anderson erzählt die Geschichte eines Mädchens, das nach dem Tod ihrer Freundin in die Magersucht zurückrutscht.

Das Buch löste eine Lawine aus. Zahlreiche Jugendliche nutzten (und nutzen bis heute) die Beschreibungen im Buch als Anleitung, um sich gezielt Magersucht anzutrainieren. Pro-Ana-Foren, aber auch andere Foren für Essgestörte erlebten zum Teil einen regelrechten Einfall von neuen Mitgliedern, die das Buch als konkrete Motivation nannten.

Kann man Magersucht erlernen?

Leider müssen wir feststellen, dass diese Bemühungen zum Teil in die Magersucht führen sind und zum Teil zu anderen Essstörungen beitragen. Einige, die davon selbst betroffen sind, geben an, dass sie vor der Lektüre keine Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, Gewicht oder Aussehen hatten. Andere sahen in den Beschreibungen eine Projektionsfläche für ihr diffuses inneres Leiden, das bereits zuvor da war.

Eine weit verbreitete Annahme geht davon aus, dass dieses Antrainieren nur bei denjenigen funktioniert, die eine Veranlagung zur Magersucht besitzen und ohnehin magersüchtig geworden werden. Ein Buch oder Film könne diese Entwicklung höchstens beschleunigen.

Wir sind von dieser Sichtweise nicht überzeugt, da es auch Fälle gibt, in denen die Betroffenen nicht einmal subtile oder versteckte Anzeichen einer Essstörung zeigen, bevor sie mit verlockenden Darstellungen von Magersucht konfrontiert werden. Wir gehen jedoch davon aus, dass die meisten tatsächlich eine entsprechende Prädisposition hatten. Wichtig ist jedoch: Die meisten sind nicht alle. Die Art und Weise, wie Magersucht in solchen Büchern dargestellt wird, ist in unseren Augen deshalb relevant.

Allerdings sind angenommenen unbewusste Tendenzen und schlafende Veranlagungen ein Totschlagargument, das sich nicht klar belegen oder verneinen lässt. Einige Befürworter begegnen jedem Gegenbeispiel mit dem Argument, die Prädisposition sei eben nur zu verborgen oder vollkommen unbewusst gewesen. Obwohl diese Erklärung möglicherweise zutrifft, ist sie kein Argument gegen andere Erklärungen, die ebenfalls infrage kommen.

Wenn die Bemühungen nicht zur Magersucht führen …

… ist noch lange nicht gesagt, dass die Betreffenden keine Essstörung entwickeln können.  Online- und Offline-Medien thematisieren Bulimie, Binge-Eating-Störung und andere Essstörungen seltener als Magersucht – obwohl sie häufiger auftreten. Statistisch gesehen ist deshalb die Wahrscheinlichkeit höher, dass eine mager-sehnsüchtige Person eine andere Essstörung als Magersucht entwickelt.

Wenn sich jemand wünscht, magersüchtig zu sein, gibt es deshalb drei Möglichkeiten:

  1. Die Person wird magersüchtig.
  2. Die Person entwickelt keine Essstörung.
  3. Die Person entwickelt eine andere Essstörung als Magersucht.

Andere Essstörungen sind nicht per se harmloser als Anorexia nervosa. Magersucht gilt zwar als die tödlichste psychische Störung, doch das sagt nichts über die individuelle Krankheitsschwere bei einer bestimmten Person aus.

[nach oben]

Was ist der Unterschied zwischen „Schmetterlingen“ und „Schneeflocken“?

„Schneeflocken“ und „Schmetterlinge“ werden unter Essgestörten häufig synonym verwendet.

Tendenziell sind „Butterflies“ eher Personen, die pro ana sind, Magersucht idealisieren und verherrlichen und Risiken für die Gesundheit und die Psyche verleugnen. „Butterflies“ sind oft überambitioniert und haben unrealistische Vorstellungen davon, wie schnell sie Gewicht verlieren können.

„Snowflakes“ sind hingegen eher Personen, die aufgrund eines Buches oder Films gezielt versuchen, magersüchtig zu werden.

Sowohl „Schmetterling“ als auch „Schneeflocke“ wird in der Regel abwertend verwendet. Manchmal bezeichnen sich Personen selbst sarkastisch als „Butterflies“ bzw. „Snowflakes“. Dabei ist ein trotziger Unterton möglich. Solche Anas sehen sich häufig als „letzte wahren Pro Anas“ und „Oldschool“ im Vergleich zur vermeintlich „verweichtlichen“ Mehrheit, die ihnen oft nicht streng genug ist.

[nach oben]

» Pro Ana – eine Sekte?


Zuletzt aktualisiert am 19.11.2017