Pro Ana – eine Sekte?

Pro Ana, d.h. die Verherrlichung von Magersucht, wird oft mit einer Sekte verglichen. Doch trifft dieser Vergleich wirklich zu? Was macht eine Sekte eigentlich aus, welche Assoziationen verbinden die meisten Menschen mit dem Begriff „Sekte“ – und welche Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede lassen sich zu Pro Ana feststellen?

♦ Was ist eine Sekte?
♦ Ist Pro Ana eine ernstgemeinte Religion?
♦ Gemeinsamkeiten zwischen Sekten und Pro Ana
♦ Unterschiede zwischen Sekten und Pro Ana
♦ Zusammenfassung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf einen Blick
♦ Der Ausstieg

Was ist eine Sekte?

Wikipedia definiert eine Sekte als „eine religiöse, philosophische oder politische Richtung und ihre Anhängerschaft. Die Bezeichnung bezieht sich auf Gruppierungen, die sich durch ihre Lehre oder ihren Ritus von vorherrschenden Überzeugungen unterscheiden und oft im Konflikt mit ihnen stehen.“

Der Duden führt außerdem noch eine zweite Definition auf. Demnach ist der Begriff „Sekte“ in der Regel abwertend gemeint. Die Gruppe folgt in der Regel einer extremeren Ausrichtung als die ursprüngliche Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang ist auch von „religionsähnliche[n] Grundsätze[n]“ die Rede. Diese Formulierung spielt im Zusammenhang mit der Frage, ob Pro Ana eine Sekte ist, später noch eine wichtige Rolle.

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Ist Pro Ana eine ernstgemeinte Religion?

Die meisten Anas betrachten Pro Ana nicht als eine Religion. „Anas Gebote“, „Anas Psalm“ und ähnliche Texte suchen gezielt die Ähnlichkeit zur christlichen Religion – doch die religionsähnlichen Titel wurden als Vergleich gewählt, um Eltern die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer magersüchtigen Kinder zu erklären.

Erst später übernahm die Pro-Ana-Szene Texte wie „Anas Gebote“ und die Begrifflichkeiten, die damit einhergehen. Der Vergleich stieß vermutlich auch deshalb auf Akzeptanz, weil Magersucht und andere Essstörungen durch selbst erschaffene Rituale und die Einteilung in „gut“ und „böse“ einen ähnlichen Rückhalt formen können, den auch Religionen für viele Menschen bieten.

Einige Pro-Ana-Anhänger beten zu einer Entität namens „Ana“ oder „Anamadim“ und meinen diese Gebete ernst. Einige praktizieren Rituale, die an eine Mischung aus christlichem Gottesdienst und esoterischem Ritus erinnern. Diese Untergruppe bildet innerhalb der Pro-Ana-Szene jedoch nur eine kleine Minderheit.

Die Mehrheit der Anas versteht sich nicht als explizite Religion.

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Gemeinsamkeiten zwischen Sekten und Pro Ana

Die größte Gemeinsamkeit zwischen Sekten und Pro Ana besteht in der Ablehnung von Überzeugungen, die von der Mehrheit der Gesellschaft geteilt werden. Anas betrachten Magersucht nicht als Krankheit oder sehen sie (auch wenn sie sie als Krankheit wahrnehmen) nicht als etwas Negatives.

Menschen mit Magersucht suchen im Hungern zum Teil nach einer Erfüllung, die ihnen in anderen Lebensbereichen verwehrt bleibt. Sie erleben, dass sie selbst etwas bewirken können und dass sie Kontrolle ausüben können. Selbst Anas, die sich ihrer Krankheit bewusst sind, plädieren häufig für die Freiheit, sich für die Krankheit und gegen die Genesung entscheiden zu dürfen. In dieser Sichtweise unterscheiden sie sich deutlich von der Mehrheit der Gesellschaft, die Magersucht als Krankheit erkennt, die behandlungsbedürftig ist und gegen die etwas unternommen werden sollte.

Religionsähnliche Grundsätze sind in der Pro-Ana-Szene überall zu finden. Regeln werden entweder von anderen Pro-Ana-Seiten kopiert und übernommen oder von einer Community festgelegt. Andere Anas schaffen sich ihre eigenen Gebote.

Auch ohne explizit ausformulierte Regeln haben viele Menschen mit Magersucht und anderen restriktiven Essstörungen Gebote und Verbote. Bestimmte Lebensmittel „können“ sie nicht essen. Viele legen bestimmte Uhrzeiten fest, zu denen sie Nahrung zu sich nehmen dürfen – oder eine zeitliche Grenze, nach der sie nichts mehr essen dürfen. Zahlen, Essrituale und andere selbst geschaffene Strukturen werden dabei zum Maßstab des eigenen Selbstwerts.

Das eigene schlechte Gewissen ist eine starke Motivation.

Pro-Ana-Communitys wirken von außen oft wie homogene Gruppen. In einigen Fällen trifft dies zu. Insbesondere große Foren und lose Netzwerke weisen jedoch ein breites Spektrum an unterschiedlichen Mitgliedern auf. Von außen sind diese Gruppen – ebenso wie Sekten – oft nur schwer zu begreifen.

Einige Gruppen schotten sich ab und wählen ihre Mitglieder kritisch aus. Wer sich innerhalb eines festgelegten Zeitraums nicht meldet, riskiert den Ausschluss. Verbindungen zu offeneren Gruppen werden oft nicht gern gesehen, von Offenheit gegenüber Freunden und Bekannten wird teilweise aktiv abgeraten. Auch darin ähneln Pro-Ana-Gruppen bestimmten Sekten.

In solchen geschlossenen Gruppen findet häufig eine Radikalisierung statt. Diese wird von zwei wichtigen Motoren angetrieben: Durch die strenge Auswahl bestärken sich „Hardcore-Anas“ gegenseitig. Da sie kaum mit gemäßigten oder Recovery-orientierten Perspektiven in Berührung kommen, füttern sie ihre Magersucht, während sie selbst Stück für Stück verhungern.

Der zweite Motor ist die Ablehnung von Außenstehenden. Radikale Anas fühlen sich häufig als Märtyrerinnen, denen die „schlechte“ oder „ignorante“ Gesellschaft ihre Perspektive aufdrängen will. Sie fühlen sich unverstanden – oft zu Recht. Pauschalisierungen sind in Berichten und Online-Diskussionen über Pro Ana allgegenwärtig. Ein differenziertes Bild von Pro Ana zu zeichnen ist sehr schwierig, da innerhalb dieser losen Szene keine Lehrmeinung existiert.

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Unterschiede zwischen Sekten und Pro Ana

Innerhalb der Pro-Ana-Szene gibt es keinen „Guru“, nach dem sich alle Anas richten. Es existiert kein Lehrbuch und keine Anleitung. Stattdessen besteht Pro Ana aus zahlreichen Individuen, die sich in fragmentierte Untergruppen zusammenfassen lassen.

Dabei besteht eine hohe Fluktuation. In vielen Pro-Ana-Foren und -Gruppen lassen sich immer wieder dieselben Mitglieder finden – zum Teil sogar dann, wenn diese Gruppen vollkommen unterschiedliche Ausrichtungen verfolgen.

Pro Ana lässt sich deshalb nicht mit einer Sekte vergleichen, sondern am ehesten mit vielen Sekten.

Ein weiterer wichtiger Unterschied: Pro Ana ist für die meisten Befürworterinnen keine Religion, wie wir bereits eingangs festgestellt haben. Die meisten Anas verfolgen keine spirituellen Ziele mit dem Hungern, Erbrechen, Wiegen, Vermessen und anderen Verhaltensweisen.

Darüber hinaus ist Pro Ana nicht zentral organisiert. Es gibt keinen Mitgliedsausweis und kein allgemeines Verzeichnis. Im realen Leben, außerhalb des Internets, erkennen sich Anas oft nicht. Die Kommunikation erfolgt größtenteils anonym bzw. unter Pseudonym.

Aus Angst vor Ablehnung, Spott und Zwangsbehandlung trauen sich viele Anas nicht, sich zu erkennen zu geben – selbst dann, wenn sie eine Gleichgesinnte erkannt zu haben glauben. Außerhalb des Internets sind viele Menschen mit Essstörungen sehr einsam.

Der Begriff „Sekte“ ist negativ besetzt. Objektiv betrachtet umfasst seine Definition jedoch auch Gruppen, die ihre Mitglieder keiner „Gehirnwäsche“ unterziehen. Die Mitgliedschaft in einer Sekte kann mit ernsthaften Folgen für Psyche, Sozialleben und Gesundheit verbunden sein – doch sie muss es nicht.

Magersucht ist deshalb als Krankheit definiert, weil sie mit Schäden an Geist und Körper verbunden ist. Es gibt keinen sicheren Weg, „Magersucht zu praktizieren“. Sehr schlanke Menschen sind nicht automatisch magersüchtig. Sobald jedoch die Kriterien für eine Essstörung erfüllt sind, liegt bereits (mindestens psychisch) eine Schädigung vor und es gibt ein ernstzunehmendes Potenzial für weitere (psychische, körperliche und soziale) Schädigungen.

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Zusammenfassung: Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf einen Blick

An dieser Stelle möchten wir noch einmal die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Sekten einerseits und Pro Ana andererseits zusammenfassen.

Gemeinsamkeiten

  • Beide vertreten eine Perspektive, die im Gegensatz zur Perspektive der Mehrheit steht.
  • Sowohl die Mitgliedschaft in einer Sekte als auch die Beteiligung an Pro Ana ist häufig von der Suche nach Erfüllung getrieben.
  • In beiden Fällen spielt das Gefühl der sozialen Zugehörigkeit eine wichtige Rolle. Mitglieder sind vorher oft einsam oder haben das Gefühl, ihnen fehle etwas im Leben.
  • Einzelne Communitys können mit ihrer strengen Struktur wie eine geschlossene Sekte wirken.
  • Gebote, Verbote, Regeln und Rituale sind implizit oder explizit vorgegeben.
  • Sowohl Sekten als auch Pro-Ana-Gruppen sind für gewöhnlich intransparent.
  • Das Wechselspiel zwischen innerem Zusammenhalt und äußerer Ablehnung stärkt die Gruppe.

Unterschiede

  • Pro Ana ist (in der Regel) keine ernstgemeinte Religion.
  • Die Pro-Ana-Szene ist keine einheitliche Gruppe.
  • Obwohl es auch populäre Anas gibt, zu denen viele andere aufblicken, gibt es nicht „den“ Guru.
  • Anas haben außerhalb des Internets oft keinen Kontakt zueinander
  • Trotz der Gruppenzugehörigkeit sind Anas oft nach wie vor einsam.
  • Nicht jede Sekte muss für ihre Mitglieder schädlich sein, doch Magersucht ist über ihre Schädlichkeit für Psyche und Körper definiert.

Alles in allem können wir deshalb feststellen, dass Pro-Ana-Gruppen als Sekten bezeichnet werden können. Es bestehen zahlreiche Gemeinsamkeiten, die sich nicht nur auf Randaspekte von Pro Ana beziehen, sondern zentrale Merkmale darstellen.

Gleichzeitig ist es jedoch wichtig, die Unterschiede zu berücksichtigen. Bei der Verwendung des Wortes „Sekte“ im Zusammenhang mit Pro Ana und anderen Gruppen sollte vor allem beachtet werden, dass der Begriff „Sekte“ negativ besetzt ist. Die Bezeichnung wird daher in der Regel als Abwertung verstanden. Diese Abwertung kann jedoch nicht nur abschreckend wirken, sondern auch den inneren Zusammenhalt von Gruppen stärken.

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Der Ausstieg

Wer „Ana verlassen“ möchte, hat zum Teil mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Aussteiger aus Sekten oder radikalen Gruppierungen. Wir möchten in diesem Zusammenhang noch einmal deutlich differenzieren und stellen deshalb drei verschiedene Fallbeispiele vor. Auch andere Varianten sind jedoch möglich. Alle diese Fälle kommen in der Realität tatsächlich vor – der „Ausstieg“ ist nicht für jeden gleich.

Lisa M.: Recovery begann in der Pro-Ana-Gruppe

Die sechzehnjährige Lisa M. wäre nie auf die Idee gekommen, sich in einem Recovery-Forum anzumelden oder gar einen Psychotherapeuten aufzusuchen. In einem Pro-Ana-Forum fand sie Gleichgesinnte – sie fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben aufgenommen und verstanden.

Ihre Magersucht verschlechterte sich zunehmend. Sie nahm weiter ab. Gleichzeitig wurde sie im Ana-Forum erstmals mit dem Gedanken an Recovery konfrontiert.

Eines Abends ging es ihr nach einem schweren Streit mit ihren Eltern besonders schlecht. Sie berichtete der Ana-Community von ihrem Kummer. Zwei Mitglieder überzeugten sie schließlich davon, eine Kinder- und Jugendtherapeutin aufzusuchen – „wenn nicht wegen der ES, dann vielleicht wegen all dem anderen“.

Für Lisa M. hatte das Pro-Ana-Forum drei wesentliche positive Wirkungen: Sie fand dort sozialen Rückhalt, in einer Krise konnte sie sich jemandem mitteilen und schließlich fand sie durch die Unterstützung anderer Mitglieder sogar den Weg in die Therapie.

Miriam T.: Unentschlossenheit und Unterstützung machen es schwer, sich zu lösen

Miriam T. ist 23 Jahre alt und Studentin. Sie hat einen festen Freund, FreundInnnen, eine Katze und Zukunftspläne. Dennoch fühlt sie sich im echten Leben oft nicht zu Hause. Nur in der Pro-Ana-Gruppe hat sie das Gefühl, wirklich sie selbst sein zu können.

Eigentlich will sie nicht magersüchtig sein. Sie ist sich bewusst, dass die Essstörung eine Krankheit ist und dass sie schwere körperliche Folgen nach sich ziehen wird, wenn Miriam nichts gegen sie unternimmt. Sie hat bereits mehrere Klinikaufenthalte und Psychotherapien hinter sich.

Immer wieder rafft sie sich auf, der Magersucht den Rücken zu kehren. Schweren Herzens meldet sie sich aus der Ana-Community ab – und erfährt nur Unterstützung und Glückwünsche für ihre Entscheidung. Doch oft ist sie schon nach einem Monat wieder da: Sie findet keinen Therapieplatz, eine Freundin hat sie bloßgestellt, die Beziehung krieselt. In der Pro-Ana-Gruppe wird sie warm willkommen geheißen. Miriam hat endlich wieder das Gefühl, in ihrem geschützten Raum zu sein.

Lukas B.: Drohungen, Mobbing und Verachtung strafen den Aussteiger, der als abschreckendes Beispiel dienen soll

Lukas B. fand mit fünfzehn Jahren seinen Weg in die Welt der Magersucht – drei Jahre später will er einen Schlussstrich unter seinem alten Leben ziehen. Er will gesund werden, um sein junges Leben nach seinen Wünschen zu gestalten, nicht nach den Wünschen der Magersucht.

Als er seine Entscheidung der Pro-Ana-Gruppe mitteilt, in der er ein aktives und eifriges Mitglied war, lassen die ersten Beleidigungen nicht auf sich warten. Mit Abschiedsworten wie „viel Spaß beim Fettwerden“ und persönlichen Attacken wenden sich seine ehemaligen Freunde auf einmal gegen ihn. Mit einer so heftigen Reaktion hatte er nicht gerechnet.

Lukas ist verunsichert, enttäuscht und zutiefst verletzt. Ständig fragt er sich, ob die anderen Anas nicht doch Recht haben. Wird er wirklich dick werden? Ihm fallen lauter Horrorgeschichten und Bilder von ehemaligen Magersüchtigen ein, die angeblich automatisch adipös werden. Dass diese Fälle maßlose Übertreibungen sind, kann Lukas nicht wissen.

Auch nach seinem schmerzhaften Abschied aus der Pro-Ana-Gruppe reißt der Strom an verachtenden Nachrichten jedoch nicht ab. Verschiedene Mitglieder schreiben ihm über Whatsapp oder Facebook, twittern mit anonymen Accounts öffentlich über „den Versager“ oder posten zynische Memes auf Instagram, die auf ihn abzielen.

Was sagen uns diese Beispiele?

Nicht alle Pro-Ana-Gruppen sind gleich. Auch der Abschied von einer solchen Gruppe kann deshalb sehr unterschiedlich aussehen.

Über viele Jahre hinweg konnten wir beobachten, dass Fälle wie Lukas B. sich vor allem in verborgenen Pro-Ana-Gruppen ereignen. Die Mitglieder werden vorab ausgewählt und müssen manuell freigeschaltet werden. Strenge Regeln sind die Grundlage für das virtuelle Zusammenleben.

Menschen wie Lisa M. und Miriam T. tauchen hingegen eher in Pro-Ana-Gruppen auf, die offen sind. Große Teile der Foren sind öffentlich, der Gruppe kann jeder beitreten. Diese Communitys zeichnen sich durch eine gemäßigte Einstellung aus. Die Mitglieder sind sehr heterogen. Viele wollen andere Mitglieder mit allen Kräften dazu ermutigen, den Weg in die Genesung zu finden – obwohl sie für sich selbst oft keine Hoffnung sehen.

Die soziale Unterstützung, die solche Gruppen bieten, ist echt und menschlich sehr lobenswert. Wie das Beispiel von Miriam T. zeigt, ist der Rückhalt jedoch eine Münze mit zwei völlig unterschiedlichen Seiten: Einerseits gibt die Unterstützung Kraft und Hoffnung, andererseits macht sie es sehr schwer, die Gruppe zu verlassen und dadurch auch die soziale Unterstützung zu verlieren.


Zuletzt aktualisiert am 28.07.2017