Pro Ana seit 2012

♦ Verschmelzung von Pro Ana und With Ana
♦ Spaltung der Pro-Ana-Szene
♦ Aus „Pro Ana“ wird „Ich habe eine Essstörung“
♦ Old School – die gute alte Zeit von Pro Ana?
♦ Radikalisierung, Rebellion und Rückzug
♦ Die Verschollenen und die Schweigenden

Als diese Webseite im Jahr 2012 zum ersten Mal online ging, sah Pro Ana noch anders aus als heute. Ein genauer Zeitpunkt für den Wandel lässt sich nicht festlegen – doch ungefähr in diesem Zeitraum fallen bestimmte Veränderungen in der Pro-Ana-Szene, mit denen wir uns hier beschäftigen wollen. Wenn wir in diesem Zusammenhang Jahreszahlen erwähnen, sind diese nur als grober Anhalt zu verstehen.

Verschmelzung von Pro Ana und With Ana

Die Bezeichnungen „Pro Ana“ und „With Ana“ waren nie genau voneinander abgegrenzt und oft nur sehr schwammig definiert – wenn überhaupt. Tendenziell stand Pro Ana stärker mit der Verherrlichung und/oder Verharmlosung von Magersucht im Zusammenhang. Oft erklärten Anas ihre Essstörung zum Lifestyle und sahen darin eine bewusste Entscheidung zugunsten der Magersucht.

With Ana diente ursprünglich als bewusste Abgrenzung von Pro Ana. Befürworter von With Ana betrachten die Magersucht im Allgemeinen nicht als erstrebenswert, doch sie kämpfen nicht aktiv gegen sie an oder haben nicht das Ziel, langfristig zu genesen. Zum Teil befinden sie sich sogar in Therapie, wenn auch nicht immer für ihre Essstörung, sondern zum Beispiel wegen einer Depression oder selbstverletzendem Verhalten. Zu With Ana gehört häufig auch die Erkenntnis, dass eine Essstörung zu haben keine freie Entscheidung ist.

Damit ist die Idee von Pro Choice eng verknüpft. Pro Choice spricht sich weder für noch gegen Pro Ana aus. Der Grundgedanke: Jeder Mensch, der unter einer Essstörung leidet, solle (und könne) selbst entscheiden, ob er mit dieser Essstörung leben wolle, sie aktiv verstärken wolle oder gegen sie ankämpfen wolle. Befürworter von Pro Choice gehen dementsprechend oft davon aus, dass Betroffene nicht auf der Basis inneren Leidensdrucks handelt, sondern rationale und zwanglose Entscheidungen für oder gegen die Magersucht treffen.

Seit 2012 sind diese unterschiedlichen Begriffe und Konzepte miteinander verschmolzen. „Pro Ana“ dient nun oft ein Sammelbegriff für die unterschiedlichsten Auffassungen darüber, wie der ideale Umgang mit der Magersucht aussehen sollte. Auch die empfundenen Auswirkungen, die die Anorexie auf das eigene Leben hat, sind sehr heterogen.

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Spaltung der Pro-Ana-Szene

Gleichzeitig können wir die zunehmende Spaltung der Pro-Ana-Szene beobachten. Während die einen unter dem Begriff „Pro Ana“ inzwischen eine bunte Mischung aus unterschiedlichen Meinungen und Ansichten über die Magersucht begreifen, radikalisiert sich eine Minderheit innerhalb dieser Gruppe immer stärker.

Wenn ein Außenstehender die Pro-Ana-Szene betrachtet, sieht er oft nur den einen oder den anderen Teil. Daraus können sich sehr widersprüchliche Eindrücke bilden, die auch unter Anas oft Protest auslösen. Jeder Medienbericht über Pro Ana ruft sowohl Zustimmung als auch heftigen Widerspruch hervor – je nachdem, welchen Teil der Pro-Ana-Szene der Bericht repräsentiert und wen er erreicht.

Doch auch unter sich sind sich Anas kaum noch einig darüber, wofür sie als Gruppe stehen. Kaum etwas ist innerhalb der Pro-Ana-Szene so heftig umstritten, wie der Begriff „Pro Ana“ selbst und seine genaue Bedeutung.

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Aus „Pro Ana“ wird „Ich habe eine Essstörung“

Unserer Beobachtung nach identifizieren sich seit 2014/2015 immer weniger Essgestörte mit dem Begriff „Pro Ana“. Wie hoch die Zustimmung früher war und wie hoch sie jetzt ist, lässt sich nur schwer erheben. Viele wissenschaftliche Daten existieren nicht – und die, die vorhanden sind, müssen oft methodische Probleme hinnehmen. Insbesondere starke Befürworter von Pro Ana scheinen im Allgemeinen nicht zugänglich für Befragungen von Wissenschaftlern – selbst dann nicht, wenn sie anonym sind und keine „Androhung“ von Therapie damit verknüpft ist.

Allerdings können wir seit diesem Zeitraum feststellen, dass viele Inhalte dieselben geblieben sind – sie heißen jetzt nur anders. Häufig distanzieren sich Männer und Frauen mit Essstörungen im Internet explizit von Pro Ana. Doch auf ihren Webseiten, Blogs und Profilen in den sozialen Medien lassen sich immer noch Thinspirations, Ana-Diäten und andere Inhalte finden, die sich kaum oder gar nicht geändert haben.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein möglicher Grund: Die Betreffenden wollen dadurch Vorurteile vermeiden. Darüber hinaus finden viele Menschen mit Essstörungen die Vorstellung befremdlich, sich ausdrücklich für ihre Magersucht, Bulimie oder andere Essstörungen auszusprechen – oder sich gar darüber zu freuen.

Die klassischen Tipps & Tricks befinden sich heute noch auf vielen Pro Ana Seiten – zusammen mit den typischen Inhalten, die inzwischen im Allgemeinen als Kernmerkmale einer Pro-Ana-Webseite angesehen werden. Viel häufiger sind jedoch versteckte und indirekte Tipps. Oft handelt es sich dabei nicht um bewusste Verschleierungen oder Täuschungen, um die Tipps vor Außenstehenden zu tarnen. Stattdessen möchten einige Betroffene nur ihre Gedanken festhalten – der „lehrreiche“ Effekt für Crash-Diätende und Pro Anas im eigentlichen Sinne ist dabei lediglich ein beiläufiger Effekt.

Die Distanzierung vom Begriff „Pro Ana“ hat zum Teil jedoch auch strategische Gründe. Pro-Ana-Seiten werden häufig gelöscht, sobald sie entdeckt werden; insbesondere von den Anbietern kostenloser Blogs und Webseiten. Darüber hinaus werden einige von diesen Internetseiten als jugendgefährdend eingestuft. Eine Webseite, die sich zwar Pro-Ana-Themen widmet, aber das Wort „Pro Ana“ nicht ausdrücklich nutzt, ist auf den ersten Blick nicht immer als Pro zu erkennen.

Die genannten Gründe für diesen Wandel sind lediglich Beispiele. Umgekehrt lässt sich nicht der Schluss ziehen, jede Internetseite über Essstörungen und jeder Blog von einer Person mit einer Essstörung sei automatisch Pro Ana.

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Old School – die gute alte Zeit von Pro Ana?

Während auf der einen Seite die Grenzen von Pro Ana aufweichen, sehnt sich eine Minderheit nach der „guten alten Zeit“ zurück. In welchen Jahren diese vermeintlich gute Zeit für Pro Ana genau zu verorten ist, ist nicht eindeutig. Unserer Beobachtung nach hängt die Nostalgie mit dem Alter der Betreffenden zusammen.

Die meisten Anas sind sich einig, vor 2012 sei die Pro-Ana-Szene anders gewesen. Dies deckt sich auch mit unseren Beobachtungen. Jüngere Anas, die heute oft noch Teenager sind, beschönigen häufig den Zeitraum 2010–2012. Männer und Frauen in der Altersgruppe 20+ geben häufig die 2000er Jahre als Höhepunkt von Pro Ana an. Analog dazu sieht die Gruppe 30+ häufig die Zeit vor 2000 als „wahre“ Pro-Ana-Zeit an.

Gewohnheiten und Prägung spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Essstörungen entwickeln sich häufig (wenn auch nicht ausschließlich!) im Jugendalter. Insbesondere jüngere Generationen, die bereits als Kinder und Jugendliche Zugang zum Internet haben, kommen in diesem Alter deshalb oft auch erstmals mit Pro Ana in Kontakt. Daraus entwickelt sich der individuelle Eindruck, was echtes Pro Ana für die jeweilige Person eigentlich bedeutet.

Old School Pro Ana nennen einige Anas ihre Retrospektion und verstehen diese Bezeichnung als Auszeichnung. Auch von der ersten Welle (First Wave) von Pro Ana ist in diesem Zusammenhang häufig die Rede.

Eine Frau Ende 30, die sich selbst als Pro Ana bezeichnet, sagt dazu selbstkritisch: „Pro Ana war damals nicht besser. Es war genau dasselbe Zeug, das heute überall von den Butterflies kopiert wird. Aber wir waren jung und fühlten uns cool deshalb.“

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Radikalisierung, Rebellion und Rückzug

Was ist also mit denen, die sich als Old School oder Hardcore verstehen – oder die unter einer Essstörung leiden, die sie als hoffnungslos betrachten? Sie reagieren oft mit den drei R: Radikalisierung, Rebellion und Rückzug.

Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass der öffentliche Kampf gegen Pro Ana Seiten eine Radikalisierung der Szene zur Folge hatte. Dabei wird und wurde die potenzielle Schädlichkeit von Pro-Ana-Seiten immer wieder angeführt. Wir möchten an dieser Stelle noch einmal betonen, dass Pro Ana als sehr kritisch zu betrachten ist. Allerdings lässt sich mit dem Löschen einer Internetseite weder die Magersucht heilen noch der Leidensdruck von (oft jungen) Menschen in Luft auflösen.

Auf die Löschung ihrer Webseiten reagieren viele verletzt und verärgert. In einigen Fällen weckt die Löschung Trotz: „Jetzt erst recht“. Die konkreten Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Einige Anas erstellen innerhalb kürzester Zeit viele Accounts, um ihre Inhalte massenhaft zu verbreiten, bis sie schließlich erschöpfen. Andere wiederum verstecken sich hinter scheinbar harmlosen Diätseiten, nutzen Recovery als Tarnung oder sagen von sich, nur eine Essstörung zu haben – während sie weiterhin Pro-Ana-Inhalte verbreiten.

Viele überzeugte Anas haben sich in den letzten Jahren zurückgezogen. Foren und Gruppen in sozialen Netzwerken bieten ihnen Schutz vor Entdeckung. Eingelassen wird nur, wer eine Bewerbung verfasst, einen Test besteht oder von einem Mitglied empfohlen wird. Geschlossene Pro-Ana-Foren sind keinesfalls eine neue Entwicklung. Doch diese Gruppen ziehen sich immer weiter zurück, verbergen sich zum Teil hinter Scheinnamen und Alibiseiten – und entwickeln dort zum Teil das Gefühl, Opfer einer ungerechten Kampagne gegen sie zu sein.

In der Abgeschiedenheit steigern sie sich mitunter noch stärker in ihre Regeln und Gebote hinein. Jede Gruppe sieht sich oft als verschworene Gemeinschaft und geheime Elite. Gleichzeitig herrscht in diesen Gruppen ein enormer Druck nach Innen: Eine Alternative außerhalb gibt es nicht mehr. In vielen Fällen stehen Männer und Frauen, die unter einer Essstörung leiden und sich von ihr (noch) nicht abwenden wollen, mittlerweile vor einer Entweder-Oder-Frage. Entweder in der strengen Gruppe bleiben und sich den Regeln beugen – oder auf sich allein gestellt sein und jeglichen Halt verlieren.

Pauschale Urteile oder die (falsche) Annahme, alle Anas seien dumm und wüssten nicht, was sie tun, können darüber hinaus den Selbsthass verstärken. Der Versuch, Magersüchtige und andere Essgestörte gegen ihren Willen zu „retten“, befeuert auf diese Weise genau diese Essstörung.

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Die Verschollenen und die Schweigenden

Die Unsichtbaren geraten oft in Vergessenheit – so ist es kaum verwunderlich, das im Zusammenhang mit Veränderungen in der Pro-Ana-Szene eine bestimmte Gruppe oft nicht erwähnt wird: Die Verschollenen und die Schweigenden.

Magersucht, Bulimie und andere Essstörungen gehen in vielen Fällen mit Gedanken an den Tod oder Suizid einher. Auch ohne Suizidabsicht ist das Risiko, an den körperlichen Folgen der Essstörung zu sterben, hoch. In einer Online-Community ist nicht überprüfbar, wer sich nur aus dem aktiven Geschehen zurückzieht, wer einen Therapieplatz findet und den Sprung in die Genesung schafft – und wer möglicherweise nicht mehr am Leben ist.

Die Verschollenen haben keine Stimme und hinterlassen oft auch innerhalb ihrer Pro-Ana-Community keine Nachricht, die über ihr Schicksal aufklärt. Sie sind einfach verschwunden. Ob sie sich freiwillig zurückziehen oder von ihrem Umfeld gezwungen werden, ob ihr Schweigen ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist: Niemand weiß es.

Schweigende Mitleser und passive Mitglieder von Pro-Ana-Foren hat es schon immer gegeben. Wir stellen jedoch in den letzten Jahren auch hier einen Wandel fest. Während es früher oft Schaulustige und Schüchterne waren (die auch heute noch vertreten sind), mischen sich unter die Schweigenden anscheinen zunehmend Anas, die mit dem derzeitigen Zustand der Pro-Ana-Szene unzufrieden sind. Sie sind nicht extravertiert wie die Rebellierenden, doch auch diese Form des Rückzugs kann radikalisierend wirken.

Eine Ana dazu: „Ich habe das Gefühl, dass ich mit niemandem mehr reden kann. Ich war schon vorher ein Freak, aber im Forum war ich normal. Jetzt bin ich selbst da nicht mehr erwünscht und wurde sogar gemobbt, weil ich über meine ES [Essstörung] geschrieben habe, wie sie halt ist. Das Forum war unser Zuhause, die ganzen Recovery-Leute haben das kaputt gemacht. Ich lese jetzt nur noch und denk mir meinen Teil. Eigentlich weiß ich nicht, was ich noch da soll, aber ich will auch nicht weg. Es war mein Zuhause, als ich sonst keins hatte. […] Manchmal sehe ich die Fotos [von anderen Forenmitgliedern] und denke nur, zum Glück bin ich nicht auch so fett. Ich will nie so sein wie die, das ist meine Motivation, um abzunehmen und dünn zu bleiben.“

Der soziale Zusammenhalt in einer Pro-Ana-Gruppe ist Fluch und Segen zugleich. Die gegenseitige Unterstützung, die oft weit über Diäten und Gewichtsthemen hinaus geht, kann stabilisierend wirken. Doch andererseits kann der Rückhalt die Krankheit auch zu bequem machen und verhindern, dass Betroffene rechtzeitig Hilfe suchen. Pro Ana ist keine Lösung, doch auch ohne Pro Ana ergibt sich die Lösung des ursächlichen Problems nicht von selbst.

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Zuletzt aktualisiert am 04.03.2017