Zwänge

♦ Zwang
♦ Zwangsgedanken
♦ Zwangshandlungen
♦ Zwangsstörung

Essstörungen gehen in vielen Fällen mit Zwängen einher. Im Alltag werden diese Zwänge dabei häufig mit der „Zwangsstörung“ verwechselt. Allerdings ist nicht jeder Zwang ein Teil einer Zwangsstörung; insbesondere bei Essstörungen treten Zwänge in Erscheinung, die einzig und allein auf die Essstörung selbst bezogen sind und somit nicht als Symptom einer eigenständigen Zwangsstörung gelten. Dennoch können Essstörung und Zwangsstörung komorbid auftreten, das heißt als zwei Störungen nebeneinander.

Zwang

Ein Zwang ist zunächst einmal ein Drang, den ein Mensch erlebt: etwas zu tun, etwas zu denken oder immer wieder die gleichen sich aufdrängenden Impulse zu haben. Dieser Drang ist an sich unsinnig und hat an sich keine gerechtfertigte Funktion für die betroffene Person. Ein solcher Zwang kann sowohl im Rahmen einer Essstörung als auch als Symptom einer anderen psychischen Erkrankung oder als eigenständige Zwangsstörung in Erscheinung treten.

Die betroffene Person übt den Zwang jedoch nicht unkritisch aus: Da der Zwang sinnlos ist, bemüht sich die Person sich dem Zwang zu widersetzen und ihn zu unterdrücken. Der Zwang lässt sich jedoch nicht ohne weiteres vertreiben. Dadurch kommt es zu starken Beeinträchtigungen im Alltag: Durch die sich aufdrängenden Gedanken und das Ausführen von Zwangshandlungen – aber unter Umständen auch durch den inneren Kampf gegen den Zwang.

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Zwangsgedanken

Zwänge werden unterschieden in Zwangsgedanken und Zwangshandlungen.

Bei Zwangsgedanken handelt es sich um Gedanken, Impulse oder Vorstellungen, die in (nahezu) gleicher Form immer wieder kehren. Diese Gedanken, Impulse oder Vorstellungen drängen sich auf und lassen sich nicht abstellen. Die betroffene Person findet diese Zwangsgedanken (zumindest vorübergehend) unangemessen, kann von ihnen selbst irritiert sein und sie als „schwachsinnig“ empfinden. Trotzdem verursachen die Zwangsgedanken Unwohlsein und/oder Angst; sie sind jedoch nicht nur übertriebene Sorgen.

Zwangsgedanken können sich auf verschiedenste Bereiche beziehen; häufig drehen sie sich um:
Kontamination, Verunreinigung
Wiederkehrende Zweifel (z.B. den Herd ausgeschaltet zu haben)
Ordnungs- oder Sortier-Drang
Impulse, etwas aggressives oder sehr negatives zu tun
Sexuelle Vorstellungen

Als Reaktion auf die Zwangsgedanken und die damit verbundene Angst versucht die Person, die Gedanken, Impulse oder Vorstellungen zu unterdrücken oder durch das Ausüben von Zwangshandlungen zu neutralisieren.

Die Zwangsgedanken entstammen dem eigenen Denken der betroffenen Person und sind nicht von außen an sie herangetragen oder eingegeben – dessen ist die Person sich bewusst. Zwangsgedanken sind deshalb keine Halluzinationen oder Wahnvorstellungen oder ein anderes Zeichen für eine psychotische Störung.

Dennoch kann es vorkommen, dass die Zwangsgedanken als Ich-dyston erlebt werden: Die Person hat das Gefühl, keine Kontrolle über die Gedanken zu haben, die ihr fremd vorkommen. Auch dabei ist sich die Person jedoch bewusst, dass Zwangsgedanken in Wahrheit von ihr selbst stammen.

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Zwangshandlungen

Neben den Zwangsgedanken gibt es die Zwangshandlungen. Zwangsgedanken und Zwangshandlungen können gemeinsam auftreten, müssen jedoch nicht.

Eine Zwangshandlung ist ein Verhalten, das eine physiologische oder geistige Handlung sein kann. Die Zwangshandlung kann sowohl eine Reaktion auf Zwangsgedanken als auch eine Folge von (selbstauferlegten) Regeln sein, zu deren strengen Einhaltung sich die betroffene Person gedrängt fühlt.

Typische Zwangshandlungen sind:
Kontrollzwang
Reinlichkeitszwang
Zählzwang
Berührzwang
Verbale Rituale

Als Folge der Zwangshandlung verringert sich das Unwohlsein bzw. die Angst oder die betroffene Person glaubt, mit ihrem Verhalten einer befürchteten Situation vorzubeugen. Realistisch betrachtet besteht jedoch keine oder nur eine sehr abstrakte und konstruierte Verbindung zwischen dem befürchteten Ereignis und der vorbeugenden bzw. neutralisierenden Handlung (zum Beispiel dreimaliges Blinzeln, wenn die Person auf eine Ritze im Gehweg getreten ist).

Nach und nach entstehen Zwangsrituale, die sehr spezifisch festgelegt werden und bis aufs kleinste Detail befolgt werden müssen. Weicht eine zwanghafte Person von ihrem Ritual ab (auch wenn es nicht selbst verschuldet ist) oder kann sie das Zwangsritual nicht ausführen, sind erneut Angst und/oder starkes Unwohlsein die Folge.

Gerät eine zwanghafte Person in eine solche Lage, in der sie ihr Zwangsritual nicht (richtig) ausführen kann, kann sie die Ausführung manchmal verschieben und zu einem späteren Zeitpunkt ausführen. Ein kurzzeitiges Unterbinden des Zwangsritual ist deshalb nicht dazu geeignet, den Zwang zu bekämpfen, wenn die Zwangshandlung nachträglich doch noch ausgeführt wird.

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Zwangsstörung

Nicht jeder Zwangsgedanke und nicht jede Zwangshandlung müssen ein Teil einer Zwangsstörung sein. Eine Zwangsstörung ist eine krankheitswertige psychische Störung, die nicht nur Teil einer anderen psychischen Störung ist. So ist zum Beispiel der Wiegezwang im Rahmen einer Essstörung keine zusätzliche Zwangsstörung: er ist und bleibt Ausdruck der Essstörung.

Um von einer Zwangsstörung sprechen zu können, muss deshalb ausgeschlossen werden, dass der Zwang sich einzig und allein um eine andere psychische Störung dreht. Außerdem dürfen die Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen nicht durch die Einnahme von Substanzen (wie Medikamenten oder Drogen) oder durch einen medizinischen Krankheitsfaktor ausgelöst werden.

Eine Zwangsstörung kann sowohl nur von Zwangsgedanken als auch nur von Zwangshandlungen oder auch durch beides gekennzeichnet sein. Die zwanghafte Person erkennt dabei, dass diese Zwänge übertrieben oder unbegründet sind.

Gegenüber normativen Spleens heben sich die Zwänge einer Zwangsstörung dadurch ab, dass sie sehr zeitaufwändig sind, das heißt dass sie mehr als eine Stunde pro Tag in Anspruch nehmen. Außerdem führt die Zwangsstörung zu einer Beeinträchtigung im Alltag – sei es in Beruf, Ausbildung, Studium oder Schule, in der Freizeit, Familie oder unter Freunden oder in anderen sozialen Situationen.

Zwangsstörungen treten in Deutschland mit einer Häufigkeit von 3,6% in der Bevölkerung auf (12-Monatsprävalenz; Jacobi et al., 2014). Dabei sind Frauen und Männer in etwa gleich oft betroffen.

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» Psychische Besonderheiten


Zuletzt aktualisiert am 12.02.2015