Zu dick für eine Essstörung?

Viele Menschen mit Essproblemen sind der festen Überzeugung, bei ihnen sei alles noch im Grünen Bereich. Selbst wenn sie stark unter ihrem zwiespältigem Verhältnis zur Nahrungsaufnahme leiden, empfinden sie sich nicht als „essgestört“. Denn sie sind der Ansicht, anderen gehe es noch viel schlechter als ihnen – oder sie seien „zu dick, um eine Essstörung zu haben“.

„Zu dick, um eine Essstörung zu haben“ – immer wieder taucht diese Redewendung auf, vor allem online, wo die Gedanken in der Sicherheit der Anonymität freier geteilt werden. „Zu dick, um eine Essstörung zu haben“ – ein Satz, der zwischen Verharmlosung und dem Ausdruck eines tiefen Wertlosigkeitsgefühl schwankt. Menschen, die sich minderwertig fühlen, verleugnen zuweilen, dass es ihnen schlecht geht. Denn die Ernsthaftigkeit der eigenen Situation zu akzeptieren bedeutet nicht nur, sich eine Schwäche einzugehstehen (was schwer genug wäre); es bedeutet auch, sich das Recht zuzugestehen, dass es der eigenen Person schlecht gehen darf.

Durchhalteparolen und (innerliche) Beschimpfungen gegen sich selbst können schnell den (Gedanken)Alltag dominieren. Schwäche ist jedoch ein Zeichen von Menschlichkeit. Mehr noch: Schwäche ist der erste Schritt auf einem Weg hinaus aus den Problemen, die stetig im Kopf kreisen, auf der Seele lasten und nicht von der Seite weichen wollen.

Auch die wissenschaftlich fundierten Klassifikationssysteme DSM und ICD zollen diesen Umständen Tribut. Für die Frage, ob es sich beim dem Verhältnis einer Person zu ihrem Essverhalten um eine Essstörung handelt, spielt das Gewicht nur eine Rolle von vielen. So ist beispielsweise für die Diagnose Anorexie (Magersucht) nicht zwingend das Vorliegen von Untergewicht erforderlich. Man spricht dann von einer „atypischen Anorexia nervosa“. Für die Diagnose Bulimie (Ess-Brech-Sucht) ist das Gewicht nicht entscheidend. Auch Probleme mit dem Essen, die nicht in die differenzierteren Kategorien der drei großen Essstörungs-Gruppen fallen (Bulimie, Anorexie und Binge-Eating-Störung/Ess-Sucht), können als Essstörung anerkannt und behandelt werden.

„Zu dick, um eine Essstörung zu haben“ entspricht deshalb nicht den tatsächlichen Gegebenheiten. Essstörungen sind nicht an eine bestimmte Gewichtsklasse gebunden. Viele Bulimiker sind normalgewichtig und wirken auf den ersten Blick vollkommen unauffällig. Übergewichtige Menschen, die innerhalb kürzester Zeit sehr viel Gewicht verloren haben, können magersüchtig sein. Schlanke Personen können unter Essattacken leiden.

Entscheidender als das Gewicht ist jedoch das Erleben und Verhalten eines Menschen. Die Frage „Essstörung, ja oder nein?“ kann nicht mit einem einfachen Blick auf die Waage beantwortet werden.

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Zuletzt aktualisiert am 11.02.2015