Schönheitsideal

♦ Realität und Irrealität
♦ Kriterien der Schönheit

Wenn man sich mit den Zielen und Idealen der Pro-Ana- und Pro-Mia-Szene beschäftigt, kommt man nicht darum herum, sich auch mit den allgemeinen Zielen und Idealen unserer Gesellschaft auseinander zu setzen. Schon bei oberflächlicher Betrachtung werden dabei offensichtliche Parallelen erkennbar; die enge Verbundenheit zwischen “normalem” und “gestörtem” Körperideal zeichnet sich in einigen Punkten jedoch erst bei genauerer Betrachtung ab.

Zunächt sei jedoch an dieser Stelle betont, dass es in diesem Artikel nicht darum geht, Menschen aufgrund ihres Schönheitsideals zu verurteilen. Ebenfalls geht es nicht darum, “die Gesellschaft” anzuprangern, zu kritisieren oder zu verurteilen — ob und in welchem Maße dies angebracht ist, muss jeder für sich selbst entscheiden; diese Entscheidung kann ein solcher Artikel niemandem anregen. Hier geht es einzig und allein um die bestehende Realität, die in zahlreichen empirischen Untersuchungen zu Essverhalten, Esskultur und Schönheitsidealen offenbart. Mögliche Konsequenzen sowie weiterführende Überlegungen befinden sich in einem seperaten Artikel: normal vs. gestört.

Realität und Irrealität

In einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mit dem Titel Jugendesskultur: Bedeutung des Essens für Jugendliche im Kontext Familie und Peergroup (Bartsch, 2008) werden “Soziokulturelle Standards heutiger Körperideale” (ebd., Kapitelüberschrift 5.1) auf der Grundlage von erhobenen Daten herausgearbeitet. Jugendliche sind damit konfrontiert, dass ihr Körper sich innerhalb relativ kurzer Zeit sehr stark verändert. Jungen und Mädchen sind davon gleichermaßen betroffen — allerdings gibt es auch einige Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Bei Mädchen erfolgt der Eintritt in die Pubertät früher als bei Jungen, sodass sie unter Umständen weniger mental vorbereitet bzw. mit weniger kognitiven Ressourcen in diese Umbruchsphase eintreten.

Der Beginn der Pubertät stellt ein typisches Alter dar, in dem Anorexie und Bulimie ihren Anfang finden. Von beiden Essstörungen sind deutlich mehr Mädchen und Frauen betroffen als Jungen und Männer.

Jugendliche stehen den pubertären körperlichen Veränderungen nicht passiv und teilnahmslos gegenüber. Stattdessen nehmen sie diese aktiv und aufmerksam wahr und verfolgen sie genau (Bartsch 2008, S. 86). “Es sind damit vorzugsweise perfekte, irreale Körperbilder, am denen socj Jugendliche orientieren” (ebd.). Diese Orientierung an überhöhten, realitätsfernen Idealen führt zu einem hohen Anforderungscharakter auf der einen Seite und zu einer vorprogrammierten Frustration auf der anderen Seite. Selbst durch extreme Maßnahmen, die der Herstellung eines solchen physischen Idealzustandes dienen sollen (hungern, extrem viel Sport treiben, chirurgische Eingriffe), kann maximal eine Annäherung an das Körperideal erreicht werden; ein vollständiges Erreichen ist unmöglich. Dies ist allein durch den Knochenbau bestimmt, der den groben Rahmen der physischen Erscheinung vorgibt und nicht verändert werden kann. Arme und Beine beispielsweise verändern auch durch grenzwertige Maßnahmen nicht ihre Länge oder den Winkel, in dem sie vom Rumpf abstehen. Obwohl den meisten Menschen dieser Umstand in der Theorie bewusst zu sein scheint, ändert dieses Bewusstsein kaum etwas an der Orientierung an entsprechenden Idealen und dem Wetteifern um eine möglichst genaue Erreichung dieser Ideale, die damit von den rein abstrakten Schönheitsvorstellungen (die sie sind) zu konkreten Zielsetzungen werden.

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Kriterien der Schönheit

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Was ist “schön”? Gibt es Schönheitskriterien und wenn ja, welche?

1992 erforschten Pudel und Kollegen diese Frage unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Hierzu wurden 2.000 Jugendliche standardisiert befragt. Das Ergebnis: Sehr schlanke (aber nicht dünne) und sehr sportliche, androgyne Körperformen werden grundsätzlich bevorzugt. Zudem stehen die geschlechtstypischen Extreme hoch im Kurs — sehr weibliche (stereotype) und sehr männliche (stereotype) Körperformen werden bei beiden Geschlechtern als sehr attraktiv empfunden. Interessant ist hierbei, dass diese Bevorzugung von Extremen vor allem bei jüngeren Jugendlichen anzutreffen ist.

An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, dass vor allem Anorexie häufig zu Pubertätseintritt in Erscheinung tritt. Die Bevorzugung extremer Körperideale kann hierfür eine Grundlage bilden, auf der sich die Essstörung entwickelt.

Auch auf die zweite Präferenz, den sportlichen und androgynen Typ, sollte man einen genaueren Blick werfen. Durch ihre Gewichtsreduktion schaffen Anorektiker sich einen Körper, der genau jene androgynen Merkmale aufweist. Folglich kann auch an dieser Stelle festgehalten werden: Betroffene von Magersucht haben keine gesellschaftlich abweichenden Norm- oder Idealvorstellungen — vielmehr verfolgen sie die allgemeinen gesellschaftlichen Körperideale auf eine sehr extreme, klinisch relevante Art und Weise.

Aufgrund der vorhandenen Körperschemastörung wähnen Anorektiker ihren derzeitigen gewichtlichen IST-Zustand weit vom angestrebten SOLL-Zustand entfernt. Schönheitsvorstellungen gehen mit Wertvorstellungen einher: Sie sind miteinander verknüpft (Bartsch, 2008). Schönheit und deren Kriterien spielen dementsprechend nicht nur eine oberflächliche Rolle im Rahmen von Essstörungen und insbesondere im Rahmen von Anorexie. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung handelt es sich bei Anorektikern nicht um übermäßig oberflächliche Personen, denen es nur um ihr Äußeres geht! Das Gefühl von Wertlosigkeit und Unzulänglichkeit, das eine weitere “Säule” der Essstörungen darstellt, kann sich u.a. aus dieser Quelle speisen: Die Formel “Hässlich = Wertlos” wird von vielen anorektischen Betroffenen in zahlreichen Variationen und mit unterschiedlichen Mitteln zum Ausdruck gebracht.

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» Zu dick für eine Essstörung?