Risikofaktoren

Ein Risikofaktor ist ein Faktor, der die Entstehung einer Krankheit begünstigt. Damit ein Faktor als Risikofaktor gelten kann, muss er eindeutig vor der Krankheit aufgetreten sein und darf keine Folge der Essstörung sein. Praktisch ist es allerdings schwierig, zwischen Risikofaktoren im engeren Sinne und Folgen sowie Begleiterscheinungen (Korrelaten) der Essstörung zu unterscheiden.

Ein Risikofaktor kann jedoch nicht mit Gewissheit vorhersagen, ob ein Individuum an einer Essstörung erkranken wird. Selbst wenn viele Risikofaktoren auf eine Person zutreffen, kann sie psychisch gesund bleiben oder andere Beschwerden entwickeln. Die Risikofaktoren sagen lediglich etwas über die Wahrscheinlichkeit zu erkranken aus.

♦ Gemeinsame Risikofaktoren für alle Essstörungen
♦ Risikofaktoren für Magersucht und Bulimie
♦ Risikofaktoren für die Binge-Eating-Störung
♦ Risikofaktoren im Vergleich: Magersucht/Bulimie und Binge Eating

Gemeinsame Risikofaktoren für alle Essstörungen

Einige Risikofaktoren gelten für alle Essstörungen. Die entsprechenden Studien beziehen sich allerdings vor allem auf die drei „großen“ spezifischen Essstörungen: Magersucht (Anorexia nervosa), Bulimie (Bulimia nervosa) und Binge-Eating-Störung.

Biologische Risikofaktoren

  • Genetische Faktoren
  • weibliches Geschlecht
  • ethnische Zugehörigkeit

Psychologische Risikofaktoren

  • sexueller Missbrauch
  • andere negative Erfahrungen (z.B. Verlust einer nahestehenden Person)

Risikofaktoren, die speziell mit Essen, Figur u.Ä. zusammenhängen

  • Figur und Gewicht spielen eine große Rolle
  • schlechtes Verhältnis zum eigenen Körper (fehlerhafte Wahrnehmung der eigenes Figur, sehen von nicht vorhandenen „Makeln“/Übertreibung von „Makeln“, Hass auf den eigenen Körper etc.)
  • Diäten

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Gemeinsame Risikofaktoren für Magersucht und Bulimie

Magersucht und Bulimie weisen eine eine Vielzahl von gemeinsamen Risikofaktoren und Begleiterscheinungen auf. Folgende Bedingungen machen es wahrscheinlicher, dass eine Person an Magersucht oder Ess-Brech-Sucht erkrankt. Die allgemeinen Risikofaktoren (siehe oben) sind in dieser Auflistung nicht berücksichtigt.

Biologische Risikofaktoren

  • Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt
  • überdurchschnittliche gesundheitliche Probleme in der frühen Kindheit
  • früher Pubertätsbeginn

Psychologische Risikofaktoren

  • Ängstlichkeit oder Angststörungen
  • niedriges Selbstwertgefühl

Magersucht und Bulimie sind sich auch hinsichtlich anderer Faktoren sehr ähnlich, bei denen jedoch nicht sicher ist, ob sie als Ursache für die Essstörung gelten können. Möglich ist auch, dass diese Faktoren eine Folge der Essstörung darstellen. Damit bilden sie keine Risikofaktoren im strengen Sinne.

Magersucht und Bulimie weisen außerdem jeweils spezifische Risikofaktoren auf. Ein Risikofaktor für Magersucht ist zum Beispiel Zwanghaftigkeit. Zu den Risikofaktoren von Bulimie gehören u.a. Alkohol- und Drogenkonsum sowie Impulsivität.

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Risikofaktoren für die Binge-Eating-Störung

Erst seit dem Erscheinen des US-amerikanischen DSM-5 wird die Binge-Eating-Störung (BES) als Essstörung klassifiziert. Im ICD-10 ist diese Änderung noch nicht umgesetzt, allerdings ist zu erwarten, dass auch die neue Version, das ICD-11, die Binge-Eating-Störung beinhalten wird. Da die BES in den Klassifikationssystemen, mit denen Psychologen, Therapeuten und Ärzte Diagnosen stellen, noch relativ neu ist, gibt es zur Binge-Eating-Störung bislang weniger Daten als für Magersucht und Bulimie.

Dennoch konnten Forscher bereits einige Risikofaktoren für die Binge-Eating-Störung entdecken. Auch für die BES gelten zusätzlich die allgemeinen Risikofaktoren für Essstörungen, die oben genannt sind.

Psychologische Risikofaktoren

  • Körperliche und/oder emotionale Vernachlässigung
  • fehlende Unterstützung, subjektiv oder objektiv (z.B. von Eltern, Geschwistern, Partner oder Arbeitskollegen)
  • Mobbing, soziale Ausgrenzung, Diskriminierung
  • Stress
  • psychologische Bewältigung durch Vermeidung und Flucht

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Risikofaktoren Magersucht/Bulimie und Binge Eating im Vergleich

Auffällig ist, dass sich die Risikofaktoren für die Binge-Eating-Störung in vielen Punkten von den Risikofaktoren für Magersucht und Bulimie unterscheiden. Allerdings sind Magersucht und Bulimie sich auch bezüglich der Symptome ähnlicher.

Das amerikanische Klassifikationssystem DSM-5, das auch in der psychologischen Forschung in Deutschland und in anderen Ländern häufig verwendet wird, unterscheidet zwei Subtypen von Magersucht.

Beim restriktiven Typ schränkt der Betroffene seine Kalorienzufuhr ein, beim Binge/Purge-Typus treten jedoch ähnliche Symptome auf wie bei der Bulimie. Der wichtigste (aber nicht der einzige) Unterschied zwischen Binge/Purge-Magersucht und Bulimie ist das Gewicht des Betroffenen: Für die Diagnose Anorexia nervosa muss ein Patient untergewichtig sein, während das Gewicht für die Bulimie keine Rolle spielt. Nach dieser Definition liegen Magersucht und Bulimie symptomatisch noch näher beisammen als nach der Definition, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben wird.

Darüber hinaus wechseln viele Menschen, die unter einer Essstörung leiden, zwischen Magersucht und Bulimie. Dabei leiden mehr jugendliche Magersüchtige später unter Bulimie als jugendliche Bulimiker später magersüchtig werden. Ein Wechsel von Magersucht zu Binge Eating (oder umgekehrt) ist zwar ebenfalls möglich, doch er scheint statistisch seltener zu sein.

Die Risikofaktoren von Magersucht und Binge-Eating-Störung sind sehr verschieden. Zwischen Bulimie und BES gibt es jedoch größere Gemeinsamkeiten. Die Gemeinsamkeiten bei den Risikofaktoren zeigen sich auch in den Gemeinsamkeiten bei den Symptomen. Sowohl Bulimie als auch BES sind durch wiederkehrende Essattacken gekennzeichnet. Der Unterschied zwischen Bulimie und der Binge-Eating-Störung besteht darin, dass Bulimiker ihre Essattacken durch Erbrechen, Abführmittelgebrauch, exzessiven Sport o.ä. kompensieren.

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Zuletzt aktualisiert am 30.12.2017