Psychische Besonderheiten

♦ Besonderheiten im Umgang mit Nahrungsmitteln, Ernährung und Gewicht
♦ Weitere psychische Merkmale

Ein Mensch muss immer als Individuum betrachtet werden – ein Mensch, der unter einer Essstörung leidet, macht dabei keine Ausnahme. Die hier ausgeführten psychischen Besonderheiten sind keine Charaktereigenschaften, die alle essgestörten Personen teilen. Menschen mit Essproblemen haben sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Hier soll es um etwas anderes gehen: Um Merkmale im Erleben und Verhalten, die überzufällig oft bei Menschen mit Essstörungen auftreten. Nicht jedeR Essgestörte besitzt sämtliche Merkmale.

Besonderheiten im Umgang mit Nahrungsmitteln, Ernährung und Gewicht

Bei Menschen mit Anorexie oder Bulimie lassen sich häufig (aber nicht in jedem Fall) charakteristische Verhaltensmerkmale im Zusammenhang mit Nahrung und Gewicht erkennen.

Besondere Diäten (wie sie von Pro-Anas bewusst gefördert werden) dienen der Gewichtskontrolle. Diese Diäten von AnorektikerInnen und BulimikerInnen zeichnen sich dadurch aus, dass sie objektiv betrachtet nicht zielführend oder notwendig sind, ganze Nahrungsgruppen (z.B. Kohlehydrate) auslassen und/oder extreme Kalorienrestriktion beinhalten. Häufig berichten betroffene Personen von „verbotenen und erlaubten“ Lebensmitteln; manchmal führen sie schriftlich eine „schwarze Liste“ mit Lebensmitteln, die sie nicht essen wollen, weil sie durch diese Nahrungsmittel eine Gewichtszunahme befürchten. Die Diäten sind zum Teil bizarr, mit schillernden Namen geschmückt und drehen sich nicht selten um beinahe zwanghafte Zahlenspiele (3-3-3, 700-500-300, 1-2-3-2-1) mit Anzahl der „erlaubten“ Nahrungsmittel oder der „erlaubten“ Größe der Kalorienmenge.

Die meisten Menschen mit Essproblemen haben die große – sehr große! – Angst vor einer Gewichtszunahme gemein. Die Angst kann sich auf unterschiedliche Art und Weise äußern: Durch ständiges Wiegen, das zu einem regelrechten Wiegezwang werden kann; durch übermäßig langes Betrachten des ganzen Körpers im Spiegel und Selbstbestrafung bei der Entdeckung von (vermeintlichen) neuen Fettpolstern; aber auch durch Verdrängung der Angst und Verleugnung der Gewichtsprobleme (bei der Ess-Sucht bzw. Binge-Eating-Störung).

Die Wahrnehmung von Appetit, Hunger und Sättigung ist bei Menschen mit einer Essstörung sehr häufig gestört. Davon erzählen oft auch Menschen, die (noch) nicht unter einer voll ausgeprägten Essstörung leiden, sondern subklinische Probleme mit dem Essen berichten. Appetit, Hunger und Sättigung müssen dabei nicht alle einheitlich beeinträchtigt sein. Eine Anorektikerin kann großen Appetit, aber keinen Hunger und beim Verzehr geringster Nahrungsmengen ein übermäßiges Sättigungsgefühl verspüren, das in keiner Relation zur tatsächlich aufgenommenen Nahrung steht. Sie kann jedoch auch keinen Appetit, keinen Hunger und keine Veränderungen im Sättigungsgefühl haben. Auch zwischen Menschen, die ein und dieselbe Essstörung haben, können also Unterschiede auftreten.

Des Weiteren liegen überzufällig oft Auffälligkeiten im Umgang mit Nahrungsmitteln und dem Interesse an Nahrung und ihrer Zubereitung vor. Diese Auffälligkeiten zeigen sich beim Einkaufen, bei der Beschäftigung mit Nährwerttabellen, bei der Vorratshaltung, beim Kochen und Backen, beim exakten Abwiegen von Nahrungsmitteln, beim Anrichten von Speisen, beim Betrachten, Riechen und Ertasten von Nahrungsmitteln und/oder in zahlreichen anderen Situationen – nicht zu vergessen der Vorgang des Essens selbst, der zuweilen stark ritualisiert wird.

Gewichtsregulation und allgemein: der Umgang mit dem Körpergewicht zeigen bei Menschen mit Essstörungen häufig ebenfalls typische Merkmale. Hierunter fallen nicht nur kompensierende Maßnahmen, wie sie im Falle der Bulimie oder der Purging-Anorexie eingesetzt werden (absichtliches Erbrechen, Abführmittelmissbrauch, übermäßige sportliche Betätigung etc.). Auch fanatisches Wiegen oder Vermessen können auftreten. Neben dem Umgang mit dem eigenen Körpergewicht kann auch der Bezug zum Körpergewicht anderer Menschen bei essgestörten Personen verzerrt sein. Manche Betroffene empfinden normalgewichtige Menschen als abstoßend „fett“, während andere die Wahrnehmung haben, alle seien viel dünner als sie selbst. Auch die Idealisierung und Ikonisierung besonders schlanker Vorbilder kann dabei eine Rolle spielen. Diese Vorbilder können sowohl dem persönlichen Umfeld als auch anologen oder digitalen Medien enstammen.

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Weitere psychische Merkmale

Neben diesen diagnostischen Kriterien lassen sich einige psychische Merkmale feststellen, die typisch für anorektische Menschen sind. Nicht jedeR AnorektikerIn hat diese Merkmale – es darf niemals vergessen werden, dass sich hinter der Essstörung immer noch ein Mensch, ein Individuum befindet! Kein Mensch kann auf seine psychischen Probleme reduziert werden. Bestimmte Verhaltens- und Erlebensmuster lassen sich lediglich besonders häufig bei Menschen mit Anorexie und Bulimie feststellen.

Dazu gehören beispielsweise Probleme mit dem Selbstwert. Diese Personen nehmen sich als minderwertig und unzureichend wahr; sie sind sich selbst nie gut genug und/oder haben das Gefühl anderen Menschen nicht gut genug zu sein. Damit verbunden sind Ängste: Angst zu versagen, Angst verspottet zu werden, Angst abgelehnt zu werden, Angst verlassen zu werden, … Auch Schamgefühle sind häufig mit den Selbstwertproblemen verbunden. Bei anorektischen oder bulimischen Personen kann sich das Schamgefühl sowohl in der (Nicht-)Präsentation des eigenen Körpers (Verstecken mit Resignation), als auch in einer besonderen Sorgfalt gegenüber Kleidungsauswahl und Kosmetik (Verstecken durch Kompensation) äußern.

Psychosoziale und sexuelle Probleme sind ebenfalls häufig bei Menschen mit Anorexie oder Bulimie anzutreffen. Diese Probleme können sehr vielschichtig sein. Auch hier gilt: Nicht jeder Mensch reagiert auf eine Essstörung in der selben Art und Weise. Beispielsweise steigern einige Essgestörte ihr Sexualverhalten, während andere es einschränken. Die Psychosozialen Probleme reichen von häufigen Auseinandersetzungen mit Familie und Freunden über sozialen Rückzug bis hin zu ausschweifenden Partynächten.

Depression wird ebenfalls häufig bei Menschen mit einer Essstörung beobachtet: Depression kann bei allen Arten von Essstörungen auftreten, nicht nur bei Anorexie oder Bulimie.

Insbesondere AnorektikerInnen haben oft eine besonders stark ausgeprägte Leistungsorientierung: Sie sind perfektionistisch und übermäßig selbstkritisch; sie fordern von sich selbst mehr, als von allen anderen.

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Zuletzt aktualisiert am 14.02.2015