Pocrescophobie

Pocrescophobie ist die pathologische Angst vor Gewichtszunahme. Betroffene leiden unter starken Ängsten, die als Angst- oder Panikattacken auftreten können. Mit einer Lebenszeitprävalenz von 24,9% gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen (Bundesgesundheitssurvey; Wittchen, 2000).

♦ Was ist eine Phobie?
♦ Was ist Pocrescophobie?
♦ Ist Pocrescophobie eine eigenständige psychische Störung?

Was ist eine Phobie?

Bei einer Phobie handelt es sich um eine Angststörung. Die Symptome gehen dabei nicht auf eine körperliche Ursache zurück, sondern sind psychisch bedingt. Angst, wie sie im Rahmen einer Phobie auftritt, ist stark ausgeprägt und anhaltend: Sie tritt nicht nur einmal oder gelegentlich auf. Stattdessen zeigt sie sich mindestens über mehrere Monate hinweg, sobald der Auslöser präsent ist.

Obwohl sich anderslautende Gerüchte hartnäckig halten, sind Phobien nicht zwingend Trauma-Reaktionen. Infolge eines psychischen Traumas können an sich harmlose Reize (Trigger) starke Angstattacken hervorrufen, was zum Vermeiden dieser Auslöser führt. Dabei handelt es sich jedoch meistens um einen Teil der akuten Belastungsstörung oder posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Eine Angstreaktion, die zur akuten/posttraumatischen Belastungsstörung gehört, würde in diesem Fall nicht gesondert als Phobie diagnostiziert werden. Phobien können sich scheinbar grundlos manifestieren, infolge längerer Lernprozesse auftreten oder auf einschlagende Ereignisse zurückgehen, die keinen Trauma-Charakter besitzen. Umgekehrt kann eine Phobie jedoch auf einem Trauma beruhen; nicht jedes traumatische Erlebnis führt automatisch zur akuten oder posttraumatischen Belastungsstörung.

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Was ist Pocrescophobie?

Pocrescophobie ist eine krankhafte Angst vor Gewichtszunahme. Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen pathologischer und normaler Angst bzw. Besorgnis. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass starkes Übergewicht negative Folgen für die Gesundheit hat; Übergewicht zu vermeiden ist deshalb an sich kein Krankheitszeichen, sondern eine vernünftige Entscheidung. Zur Krankheit werden Sorgen und Ängste erst, wenn sie ein extremes Maß annehmen und dadurch zu starkem subjektivem Leiden führen oder die Lebensführung insgesamt einschränken. Erwachsene und ältere Jugendliche mit Phobien wissen, dass ihre Angst unbegründet oder übertrieben ist und schämen sich deshalb teilweise für ihre Reaktion. Bei Kindern kann dieser Aspekt fehlen.

Besonders häufig ist die Angst vor dem Zunehmen im Rahmen von Essstörungen; seltener kann sie sich auch unabhängig davon manifestieren, was die Pocrescophobie im engeren Sinne ausmacht. Pocrescophobie besitzt keinen eigenen Diagnose-Code; Fachleute diagnostizieren sie als spezifische Phobie, wenn die notwendigen Kriterien erfüllt sind.

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Ist Pocrescophobie eine eigenständige psychische Störung?

In der Praxis ist eine isolierte Pocrescophobie nicht nur äußerst selten, sondern es ist umstritten, ob die Abgrenzung an sich überhaupt sinnvoll ist. Die Angst vor Gewichtszunahme ist ein Kernmerkmal von Essstörungen; in vielen Fällen scheint es deshalb angebracht, die Diagnose als solche festzulegen. Liegt keine spezifische Essstörung vor, können Psychologen, Therapeuten und Ärzte ggf. auch die Diagnose einer nicht näher bezeichneten Essstörung in Betracht ziehen. Ist die Angst vor dem Zunehmen so stark ausgeprägt, dass sie zu einer echten Phobie wird, reagieren Betroffene häufig mit essgestörten Kompensations- und Schutzmaßnahmen. Praktisch handelt es sich dann oft nicht mehr um eine isolierte Pocrescophobie. Dieser Umstand trägt zur Seltenheit der Störung bei.

Unter diagnostischen Gesichtspunkten gilt eine zu starke Zersplitterung von Störungsbildern allgemein als kritisch. Phobien können sich auf eine unbegrenzte Anzahl von Gegenständen beziehen. Lebende und unbelebte Objekte, Situationen, Naturphänomene, der eigene Körper und jede weitere denkbare Kategorie eröffnet jeweils tausende von Möglichkeiten, auf die sich eine Phobie richten kann. Das menschliche Gehirn ist vorprogrammiert für bestimmte Gegenstände eher eine Phobie zu entwickeln als für andere: Beispielsweise verschafft die Schlangenphobie Menschen unter natürlichen Lebensbedingungen einen evolutionären Vorteil – die genetische Veranlagung für eine Kissenphobie ergäbe hingegen nur wenig Sinn.

Die Klassifikation von psychischen Krankheiten verfolgt das Ziel, sinnvolle Überbegriffe für eine Vielzahl von Einzelfällen zu finden. Eine solche Kategoriebezeichnung deckt niemals alle individuellen Besonderheiten ab. Unabhängig davon spielt es für das subjektive Erleben allerdings keine Rolle, in welche Kategorie die Pocrescophobie unter wissenschaftlichen Kriterien fällt. Für die Behandlung ist es in jedem Fall günstig, wenn Betroffenen so früh wie möglich Hilfe zugute kommt; das gilt sowohl für die Pocrescophobie im engeren Sinne als auch für die Angst vor Gewichtszunahme im Rahmen einer (subklinischen oder voll ausgeprägten) Essstörung.

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Zuletzt aktualisiert am 18.08.2017