Normal oder gestört?

♦ Definition: Was bedeutet “Essstörung”?
♦ Die drei Säulen der Essstörungen
♦ Fazit

Es ist nicht leicht zu bestimmen, wo die Grenze zwischen “normalem” und “gestörtem” Essverhalten verläuft. Wie im Artikel zum Schönheitsideal dargelegt, so ist sind es nicht die Normen und Ideale, die essgestörte Menschen von nicht essgestörten Menschen unterscheiden. Im Gegenteil: Allgemein, gesellschaftlich geteilte Körper- und Gewichtsideale stellen durchaus alarmierende Zustände dar.

“Krank”/”gestört” auf der einen Seite und “gesund” auf der anderen Seite — dieses dichotome Konstrukt, das zuweilen noch das menschliche Denken beherrscht, besitzt keine Gültigkeit. Stattdessen handelt es sich um ein Kontinuum, das sich zwischen den beiden extremen Polen “gestört” und “gesund” bewegt. Die wenigsten Menschen sind absolut gesund oder absolut gestört. Selbst bei schwersten psychischen Störungen, geistiger Behinderung oder sogar dem Locked-In-Syndrom und ähnlichem gibt es stets auch Stärken und Ressourcen der jeweiligen Person, die vorhanden und einsetzbar sind.

Definition: Was bedeutet “Essstörung”?

Trotz dieser Schwierigkeiten ist es jedoch von zentraler Bedeutung, eine Definition zu finden — oder zumindest eine annäherung. Nur, weil der Übergang zwischen “gestört” und “normal” fließend ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass diese Unterscheidung nicht möglich ist!

Fairburn und Walsh (2002) kamen zu dem Ergebnis, dass eine Essstörung jenes Verhalten sei, welches die Kontrolle des Körpergewichts zum Ziel habe. Im Unterschied zu einem normal kontrollierten Essverhalten ist das gestörte Essverhalten auf die Gewichtskontrolle fokussiert. Dies gilt auch anderes Verhalten, das über das direkte Essverhalten hinaus geht, zum Beispiel Bewegung oder unangemessene Kompensationsmaßnahmen wie Erbrechen. Fairburn und Walsh führen weiter aus, dass gestörtes Essverhalten durch eine deutliche Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes der betroffenen Person führt oder negative psychosoziale Folgen hat.

Psychosoziale Folgen können sich auf zahlreichen Ebenen und in Bezug auf unterschiedlichste Aspekte im zwischenmenschlichen Kontext abspielen. Da Essstörungen in der Regel im Jugendalter beginnen, sind mit dem gestörten Essverhalten oft familiäre Probleme verbunden. Hierbei kann es sich sowohl um eine besonders dominante Form der Fürsorge handeln als auch um Konflikte der Betroffenen mit den Eltern: Insbesondere bei Bulimikern sind Auseinandersetzungen wegen verschwundenen Lebensmitteln (die während einer Essattacke verzehrt wurden) sehr häufig anzutreffen.

Um von einer Essstörung sprechen zu können, darf das unnormale Essverhalten jedoch nicht durch andere psychische Störungen oder physische Krankheiten erklärt werden. Auch im Zuge von schweren Infektionskrankheiten kann es zu einem starken Gewichtsverlust sowie zu einem stark abweichenden Essverhalten kommen — in so einem Fall geht das gestörte Essverhalten jedoch deutlich erkennbar auf die Infektionskrankheit (oder anderes) zurück und entspringt nicht dem Gedanken nach Gewichtskontrolle im Sinne einer Essstörung.

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Die drei Säulen der Essstörungen

Bereits 1973 unterschied Hilde Bruch die zentralen, übergeordneten Merkmale von Menschen, die unter einer Essstörung leiden. Dementsprechend ist hier von den drei Säulen der Essstörungen die Rede.

Die drei Säulen der Essstörungen (nach Bruch, 1973)

Die erste Säule stellt das Vorhandensein einer Körperschemastörung dar. Eine Körperschemastörung ist dadurch gekennzeichnet, dass der Betroffene den eigenen Körper vollkommen anders wahrnimmt, als er tatsächlich ist.

Diese Form der gestörten Wahrnehmung kann sich auf verschiedene Bereiche erstrecken; im Zusammenhang mit Essstörungen kommt man rasch auf eine Fehlwahrnehmung des Gewichtes — die jedoch nicht den einzigen Aspekt der Körperschemastörung darstellt. In Bezug auf das Gewicht muss festgehalten werden, dass Betroffene einer Körperschemastörung dies als deutlich höher wahrnehmen (bei Anorexie und Bulimie) oder deutlich geringer wahrnehmen (bei der Binge-Eating-Störung [BED], aber auch bei Übergewicht und Adipositas ohne Essstörung). Dies darf jedoch nicht mit “Schönreden” oder “Schlechtreden” verwechselt werden; aufgrund der vorliegenden Körperschemastörungen sind die Betroffenen fest überzeugt davon, dass sie zu viel wiegen (bei Anorexie und Bulimie) bzw. noch nicht (viel) zu viel wiegen (bei BED, Übergewicht und Adipositas ohne BED): Dies entspricht ihrer (gestörten) Wahrnehmung.

Das Gewicht spielt jedoch nicht die einzige Rolle in diesem Drama. Tatsächlich können allerding genausogut andere Facetten der Körperschemastörung für den Betroffenen subjektiv bedeutsamer sein, als das reine Körpergewicht. Eine sehr große Rolle spielen nämlich auch wahrgenommene (nicht zwingend vorhandene) Hässlichkeit oder Entstellungen. In diesem Rahmen kann unter Umständen jeder Pickel zur Katastrophe werden, da er als “Beweis” für die eigene Hässlichkeit dient.

Bei der zweiten Säule der Essstörungen handelt es sich um die Störung der propriozeptiven, interozeptiven und emotionalen Wahrnehmung.

Die propriozeptive Wahrnehmung umfasst jene Wahrnehmung, die sich auf die Registrierung der eigenen Körperbewegungen bezieht, sowie auf die Lage im Raum oder die Lage, in der sich die einzelnen Körperteile räumlich zueinander befinden.

Die interozeptive Wahrnehmung ist mit der Propriozeption eng verknüpft: Die Interozeption umfasst alle Wahrnehmungen, die aus dem eigenen Körper stammen (“von innen”) — im Gegensatz zu Reizen, die von der Außenwelt wahrgenommen werden. Interozeption schließt Propriozeption im Grunde genommen ein; allerdings geht die Interozeption darüber hinaus und meint auch Sinneswahrnehmungen bezüglich der eigenen Organe und deren Tätigkeiten.

In Bezug auf Essstörungen können diese Formen der Wahrnehmungsstörungen sich zum Beispiel darin äußern, dass Betroffene die Magen-Darm-Tätigkeit besonders deutlich wahrnehmen. Ein solcher Fokus kann dazu führen, dass vollkommen normale Empfindungen als besonders stark und damit abweichend und abnormal empfunden werden. Daraus wiederum ergibt sich mitunter eine Änderung des Essverhaltens: Einige Magersüchtige sind beispielsweise der festen Überzeugung, Essen (in einem normalen Ausmaß) schade ihrem Körper. Sie begründen dies mit eben solchen interozeptiven Wahrnehmungen. Auch eine Fehlende oder gehemmte Interozeption kann zu einem gestörten Essverhalten führen; beispielsweise dann, wenn das Sättigungsgefühl nicht als solches Wahrgenommen wird (BED) oder Hunger nicht erkannt werden kann (Anorexie, evtl. Bulimie). Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch nicht, dass jeder Magersüchtige keinen Hunger verspürt oder jeder BEDler kein Sättigungsgefühl wahrnehmen kann: Hier gibt es individuelle Ausprägungen und Abweichungen.

Die Tücke dieser Wahrnehmungsstörungen liegt in der Unvergleichbarkeit von Empfindungen zwischen einzelnen Individuen: Ein Mensch kann nur das interzeptiv wahrnehmen, was sich in seinem eigenen Körper abspielt — er kann nicht in einen anderen menschen hineinhorchen, um zu vergleichen, ob seine eigenen Organe sich ebenso anfühlen, wie die eines anderen.

Im Verlauf von Essstörungen kann in der Regel eine Abflachung des Affekts festgestellt werden: Gefühle werden weniger stark wahrgenommen oder scheinen vollständig verschwunden. Ob es sich dabei tatsächlich um eine Störung der Wahrnehmung von Emotionen handelt (wie von Bruch postuliert) oder um eine Veränderung der Emotionen selbst, ist nicht eindeutig festlegbar. Allerding berichten viele Essgestörte von einer negativen Grundstimmung bzw. depressiven Verstimmung. Interessant ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass diese negative Verschiebung der Emotionen auch bei Untergewichtigen ohne (vorherigeoder primäre) Essstörung auftritt (vgl. Keys et al., 1950).

Die dritte Säule der Essstörungen bezieht sich ebenfalls auf die Gefühlswelt der Betroffenen: Essgestörte haben starkes Gefühl der Unzulänglichkeit. Sie halten sich für unfähig, nutzlos, wertlos oder minderwertig.

Dieses Gefühl wird sowohl aus der eigenen (gestörten) Wahrnehmung gespeist, aber auch aus den Reaktionen der Umwelt. Viele anorektische und bulimische Menschen berichten von Kritik über ihr Aussehen und/oder ihr Gewicht — zum Beispiel durch Eltern oder Freunde — vor Ausbruch oder zu Beginn ihrer Essstörung. Im Falle von Bulimie mit Übergwicht oder bei der BED ist die Gewichtskritik häufig ein ständiger Begleiter.

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Fazit

Was bleibt in Bezug auf das Thema “normal vs. gestört” festzuhalten?

  1. Die Grenzen zwischen normalem und gestörtem Essverhalten sind fließend.
  2. Eine Unterscheidung ist jedoch sinnvoll und notwendig.
  3. Essstörungen werden allgemein von drei Säulen gestützt.
  4. Diese drei Säulen der Essstörungen sind: Körperschemastörung, Störung der propriozeptiven, interozeptiven und emotionalen Wahrnehmung sowie ein starkes Gefühl der Unzulänglichkeit der eigenen Person.

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