Hassen Magersüchtige dicke Menschen?

Das Miteinander mit Menschen, die unter einer psychischen Störung leiden, kann für beide Seiten belastend sein – sowohl für die Betroffenen selbst als auch für Familie, Freunde, Kollegen und andere soziale Kontakte. Unverständnis und Missverständnisse spielen dabei oft eine wichtige Rolle.

Ein häufiges Vorurteil besagt: „Alle Magersüchtige hassen Übergewichtige.“ Diese Generalisierung beruht jedoch häufig auf einem Missverständnis.

„Wenn du dich für dick hältst, was denkst du dann erst von mir?“

Ein häufiges Missverständnis in Bezug auf die Wahrnehmung von Magersüchtigen betrifft den Unterschied zwischen Eigenwahrnehmung und der Wahrnehmung anderer.

Magersüchtige halten sich oft selbst für dick. Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Eine Möglichkeit besteht darin, dass sie ein zu dünnes Schönheitsideal haben. Für diese Verzerrung werden oft die Medien verantwortlich gemacht – allerdings ist zweifelhaft, welchen Einfluss Medien und Schönheitsideale tatsächlich auf Magersüchtige haben.

Anorexia nervosa ist eine Krankheit. Das Erleben und Verhalten von Magersüchtigen unterscheidet sich vom Erleben und Verhalten gesunder Menschen. Dennoch können beide dasselbe Schönheitsideal besitzen – trotzdem hat der eine mit einer Essstörung zu kämpfen und der andere nicht.

Die Macht der Biologie

Biologische Faktoren spielen bei der Wahrnehmung des eigenen Körpers eine wichtige Rolle. Studien zeigen funktionelle Auffälligkeiten des Gehirns im Zusammenhang mit Anorexia nervosa. Davon ist unter anderem der Bereich betroffen, der für die Wahrnehmung des Ausmaßes und der Lage des eigenen Körpers verantwortlich ist.

Im Kopf einer magersüchtigen Person spielt sich deshalb oft fernab des Bewusstseins ein Kampf ab: Die „innere Wahrnehmung“ meldet dem Gehirn, die Person sei dick, während z.B. bei einem Blick in den Spiegel die Augen das Gegenteil melden. Beide Informationen können nicht richtig sein. Wo, wann und wie genau Informationen im Gehirn gefiltert werden ist noch längst nicht geklärt. Möglicherweise filtert das Gehirn von Magersüchtigen widersprüchliche Wahrnehmungen heraus, noch bevor diese überhaupt das Bewusstsein erreichen. Zurück bleibt nur die falsche Wahrnehmung, die das Gehirn zu Unrecht als „richtig“ bewertet und zur Grundlage der Informationen macht, die das Bewusstsein erreichen.

Hinzu kommt, dass sich Menschen mit Magersucht oft Schritt für Schritt an Veränderungen ihres Körpers gewöhnen. Der kontinuierliche Gewichtsverlust verschiebt das Empfinden, was normal ist und was nicht.

Diese Wahrnehmungen beziehen sich jedoch in erster Linie auf die Betroffenen selbst. Insbesondere biologisch bedingte Fehlinterpretationen, die das Körpergewicht betreffen, übertragen Magersüchtige nicht auf andere Personen.

„Ich“ und „die anderen“ sind für viele Magersüchtige vollkommen unterschiedliche Kategorien. Was sie bei anderen Menschen akzeptieren oder sogar attraktiv finden, kann für sie selbst ein absolutes No-Go darstellen.

Menschen sind nicht ihr Körpergewicht

Gewicht ist eine Eigenschaft des Körpers. Ein Mensch ist mehr als sein Körper und der Körper ist mehr als sein Gewicht.

Ein zentrales Merkmal von Magersucht und Bulimie ist, dass Betroffene ihren Selbstwert von ihrem Gewicht abhängig machen. Die Bewertung anderer Personen spielt in den diagnostischen Kriterien der psychischen Störung jedoch keine Rolle.

Einige Magersüchtige hassen Fett als Substanz, weil sie damit persönliches Scheitern oder negative Gefühle verbinden. Diese Abneigung muss sich jedoch nicht auf übergewichtige Personen übertragen. Viele Menschen mit Essstörungen sind gut in der Lage, zwischen Menschen und ihrem Körper zu unterscheiden; bei sich selbst legen sie jedoch andere Maßstäbe an. Häufig sind diese Maßstäbe übermäßig streng. Verinnerlichte Verhaltensregeln beziehen sich oft nicht nur auf Figur, Gewicht und Ernährung, sondern auch auf andere Bereiche der Lebensführung. Zum Beispiel zeigen auffällig viele Menschen mit Magersucht einen Hang zum Perfektionismus.

Eine Krankheit macht nicht alle Menschen gleich

Weder Magersucht noch irgendeine andere (körperliche oder psychische) Störung macht alle Menschen gleich, auch wenn sie mit denselben Beschwerden kämpfen. Zwar lassen sich tendenzielle Aussagen treffen, die sich auf Gruppenunterschiede beziehen – doch auf den einzelnen Menschen sind keine pauschale Aussagen anwendbar.

Menschen neigen zu Generalisierungen und Kategorisierungen. Das berüchtigte Schubladendenken hilft, die Umwelt zu strukturieren und einen Überblick über die Situation zu gewinnen. Dass die Einteilungen auch falsch sein können, spielt für das subjektive Empfinden erst einmal keine Rolle.

Essstörungen sind sehr komplex, doch ihre Komplexität wird leicht übersehen. Die offizielle Bezeichnung „Anorexia nervosa“ ist ein anschauliches Beispiel dafür. Der lateinische Ausdruck bedeutet so viel wie „nervöser Appetitmangel“. Dabei hat Appetitmangel mit Magersucht höchstens am Rande zu tun. Die historische Bezeichnung wurde beibehalten, doch im Laufe der Zeit hat sich in der Medizin und Psychologie ein besseres Verständnis für Essstörungen entwickelt.

Da viele Magersüchtige Fett am eigenen Körper hassen, sind Generalisierungen wie „Magersüchtige hassen Fett, also hassen sie dicke Menschen“ nicht fern. Allerdings handelt es sich dabei um unzulässige Pauschalisierungen, die weder der Komplexität von Essstörungen noch der Komplexität von Menschen gerecht werden.

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