Pro Ana auf Tumblr

Tumblr.com ist eine Blogging-Plattform. In der Pro-Ana-Szene erfreute sich die Website vor einigen Jahren große Beliebtheit; zahlreiche Thinspiration-Blogs, radikale Diättagebücher und Zeugnisse von Selbsthass und Selbstverletzung verbreiteten sich rasend schnell über gegenseitige Verlinkungen und Reposts.

Heute ist Tumblr für eine resolut ablehnende Haltung gegenüber Pro-Ana-Inhalten bekannt.

Die Richtlinien des Onlineanbieters untersagen Pro Ana und andere Formen der Verharmlosung selbstschädigenden Verhaltens – Blogs, die sich dennoch der Verherrlichung oder Verharmlosung von Essstörungen widmen, können von anderen Nutzern gemeldet werden. In der Regel führen berechtigte Meldungen zur raschen Löschung des entsprechenden Pro-Ana-Blogs.

Einige NutzerInnen auf Tumblr haben sich der aktiven Bekämpfung von Inhalten verschrieben, die im Zusammenhang mit Pro Ana stehen. Bei diesen Personen handelt es sich nicht um MitarbeiterInnen von Tumblr, sondern um normale NutzerInnen. Sie durchsuchen teils gezielt Kategorien und Hashtags auf der Suche nach Ana-Accounts, um sie zu melden und dadurch ihre Löschung herbeizuführen. Die persönliche Motivation dieser NutzerInnen ist sehr vielfältig: Einige leiden selbst unter einer Essstörung und wehren sich gegen die Glorifikation der Krankheit; einige identifizierten sich früher selbst mit Pro Ana, sind jedoch zu der Erkenntnis gelangt, dass die Bewegung großen Schaden anrichten kann; andere sind Angehörige von Personen mit Essstörungen oder haben keinen persönlichen Bezug zu Pro Ana.

Inwiefern dieses Vorgehen von Nutzen ist, ist fraglich. Die Löschung eines Pro-Ana-Blogs heilt niemanden von seiner Krankheit. Innerhalb von Ana-Foren und -Gruppen erfahren Mitglieder, deren Blog gelöscht wurde, zuweilen sogar Anerkennung: Der Umstand, dass ihr Blog „schlimm genug“ für eine Löschung war, wird als Auszeichnung verstanden. Darüber hinaus besitzen viele überzeugte Anas mehrere Accounts und Sicherheitskopien ihrer Inhalte. Schon wenige Stunden oder Tage nach der Löschung entsteht auf diese Weise ein identischer Blog an anderer Stelle oder sogar nur unter einem anderen Pseudonym.

In einigen Gruppen, die Ana-Blogs gezielt suchen und melden, herrscht ein sehr rauer Umgangston. Anas werden dort oft als dumm und mental beschränkt bezeichnet, Herabwürdigungen und Beleidigungen sind allgegenwärtig. Hasserfüllte Kommentare wie „Du bist ohnehin zu fett“, „Du wirst es nie schaffe, abzunehmen“ sind nicht nur verletzend formuliert, sondern zielen bewusst auf die größte Schwachstelle von Essgestörten ab. Anstatt zu erkennen, dass es sich auch bei den BetreiberInnen von Pro-Ana-Accounts um Menschen handelt, die unter einem ernsten Problem leiden, bestätigen derartig harsche Anti-Gruppierungen in gewisser Weise das Konzept „Magersucht als freie Entscheidung statt als Krankheit“ – eine Sichtweise, die sonst vorwiegend von Anas vertreten wird. Zwar entschuldigt einerseits eine Erkrankung nicht jedes Verhalten (erst Recht keine aktive Schädigung anderer Menschen), doch anderseits sind Onlinepranger und Hetzjagd ebenso unangemessen und wenig zielführend.

Im Gegensatz verfolgen andere NutzerInnen auf Tumblr einen sanfteren Ansatz: Obwohl auch sie gezielt nach Pro-Ana-Accounts fahnden, suchen sie in erster Linie das Gespräch mit Anas und entscheiden erst danach, ob sie den entsprechenden Blog melden oder nicht.

Trotz des Verbots von Inhalten, die selbstschädigendes Verhalten verharmlosen oder verherrlichen, spricht Tumblr sich nicht für ein grundsätzliches Tabu von Themen rund um Essstörungen und andere psychische Probleme aus. Stattdessen differenziert die Plattform zwischen der reflektierten und berechtigten Auseinandersetzung mit persönlichen Problemen und Erlebnissen einerseits und der unreflektierten krankheitsfördernden Verharmlosung andererseits.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.